Mitteilungen des Referats für die
Kulturgüter der Orden - MiRKO

Ordenscharisma. Geschichte eines Begriffs

Das Ordenscharisma bezeichnet den „Geist“ eines Ordens, eine besondere Gnadengabe, die Lebensweise und Apostolat der Gemeinschaft im Sinne der Ordensgründer*innen präzisiert. Die Begriffe von Charisma und Ordenscharisma haben im Lauf der Kirchengeschichte eine Entwicklung mit einschneidenden Veränderungen durchgemacht. Heute stehen viele Ordensgemeinschaften vor der Herausforderung, ihr Gründungscharisma neu zu interpretieren.

Verschiedene Gnadengaben, ein Geist: Charisma im Neuen Testament

In Koine ist das Wort χάρισμα (Charisma) ein aus dem Verb χάρίζεοδαι (sich freundlich/gefällig erweisen) gebildetes Substantiv als Ergebnis dieses Handelns: eine Gunst oder Gabe.[1] In den Evangelien kommt der Begriff nicht vor, Charisma ist ein nachösterliches Phänomen. In den paulinischen und katholischen Briefen wird der Ausdruck an insgesamt 17 Stellen genannt und zum Teil unspezifisch im Sinn von „Gnadengabe“ verwendet, zum Beispiel in Röm 6,23: Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben. Gnade, Charis (χάρισ), ist zuerst und vorrangig das Geschenk der Auferstehung und des ewigen Lebens, Charismen sind wirksame Gaben des Heiligen Geistes als Erfahrungen dieser Gnade in der christlichen Gemeinde.

Besondere Bedeutung erhält der Begriff in der paulinischen Charismenlehre (1 Kor 12, vgl. Röm 12,6; 1 Petr 4,10). An „Geistesgaben“ werden aufgezählt: Weisheit mitzuteilen, Erkenntnis zu vermitteln, Glaubenskraft, Krankheiten zu heilen, Machttaten zu wirken, prophetisches Reden, Geister zu unterscheiden, Zungenrede (Glossolalie) und die Gabe, diese zu übersetzen (1 Kor 12, 8–10). Paulus betont jedoch: Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Damit antwortet er auf die Hochschätzung besonderer pneumatischer Gaben in der korinthischen Gemeinde, vor allem der ekstatischen Zungenrede, auf die Paulus erwidert: Wer in Zungen redet, erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, baut die Gemeinde auf. (1 Kor 14,4). Die Charismen der Gläubigen haben stets einen sozialen Aspekt: Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. (1 Kor 12,7).

Paulus schließt hier das Wort von der Kirche als dem Leib mit den vielen Gliedern an und leitet von den Charismen verschiedene Dienste ab: Apostel, Lehrer, Führungsaufgaben, Heilungen und Hilfeleistungen (1 Kor 12,28). „Kein Charisma hat seinen Sinn in sich selbst, jedes ist gegeben zum Nutzen für andere.“[2]

Dem Verweis auf die Wirkweise der Geistesgaben in der Gemeinde folgt im 1. Korintherbrief der paulinische Lobpreis der Liebe, in der die Charismen zum Leuchten kommen und auf die sie hingeordnet sind. Die Liebe ist kein Verweis auf das Jenseits, sondern hat „im Jetzt ihre überlegene Präsenz.“[3] Charisma und Caritas haben denselben Wortstamm.

Charismen sind aber keine Leistungen und Verdienste, sondern Gnadengaben. Leistung ist das Streben des Menschen, durch sein Tun zu erlangen, was er verdient. Gnade im theologischen Sinn ist dagegen Gottes Tun, damit der Mensch etwas erreicht. „Gnade schmückt den Menschen und macht ihn anmutig“.[4] Auch das französische Wort Charme entspringt der gleichen Sprachwurzel wie Charisma.

Von der Ekstase zum Dienst: Wandlungen im kirchlichen Verständnis von Charisma

Schon früh in der Kirchengeschichte erfuhr der Begriff „Charisma“ eine Verengung und Konzentrierung auf außergewöhnliche Phänomene. Die Geistesgaben offenbarten ihre Wirkweise in über die menschliche Kraft hinausgehende Zeugnisse des göttlichen Ursprungs der Kirche, ihnen haftete der Charakter des Wunders an.[5] Sie galten als besondere Gnadengaben der Apostel und der frühchristlichen Gemeinden, die dem Aufbau der Kirche dienten. Man dachte sie als die herausragenden Gaben der Märtyrer und Heiligen. Erweckungs- und Pfingstbewegungen wie der Montanismus im 2. Jahrhundert suchten sich mit dem Ursprung des Christentums zu verbinden, sahen in der Ekstase den Beweis geistgewirkten Redens und forderten disziplinäre Verschärfungen im christlichen Gemeindeleben.[6] Die ekstatische Prophetie als herausragendes Zeichen der Gnade wurde in der Kirche als Schwärmerei verworfen, die Ablehnung des Montanismus führte aber auch zu einer Tendenz, Charismen abzuwerten und charismatischen Bewegungen mit Skepsis zu begegnen.[7] Das Charisma erfuhr eine Klerikalisierung und wurde in der Hierarchie beheimatet. Gnadenwirkung konzentrierte sich auf die Sakramente und allgemein auf das Heilwirksame der „heiligen Kirche“ als Institution.

Eine grundlegende Änderung dieser Sichtweise brachte die Ekklesiologie des 2. Vatikanischen Konzils, welche das Charismatische gegenüber dem Juridischen und das Amt Betonendem herausstellte. Karl Rahner hat die „Theologie des Charismatischen“ wesentlich mitentwickelt.[8] Die Charismen unterscheiden sich nach Rahner von den christlichen Tugenden nur so, dass sie in diesen Tugenden das „wirksame Merkmal des Sozialen, des Offenkundigen, des Bekenntnisses, Zeugnisses und der Sendung für die Kirche hervorheben, […] durch sie dient die Kirche der Welt“.[9] Das Amt müsse den Mut haben, neue, bisher unbekannte Weisen des Charismatischen aufkommen zu lassen. Karl Rahner hat in der Zeit, als er diese Zeilen schrieb, als Jesuit für Mitbrüder Partei ergriffen, die in Pastoral und Theologie so radikal neue Wege gingen, dass ihr Ausschluss aus dem Orden gefordert wurde.[10]

Für Karl Rahner ist das Charismatische in der Kirche aber nicht bloßer Gegenpol zum Institutionellen, sondern „das Erste und Eigentümlichste unter den formalen Wesenszügen der Kirche überhaupt“.[11] Er denkt die Kirche als „offenes System“ und nicht als totalitäres: Das Lehramt von Papst und Bischöfen ist nicht der Punkt, von dem her das Glaubensbewusstsein der Kirche allein bestimmt würde: „Der Papst ist nicht nur der Steuermann der Geschichte der Kirche, sondern auch der durch die Geschichte Gesteuerte, deren eigentlicher Steuermann selbst nicht dieser Geschichte angehört.“[12] Die nie adäquat prognostizierbare Zukunft muss daher notwendigerweise offen sein für das Wirken des Geistes und die Charismen.

Charisma und Tradition sind feindliche Mächte: Max Weber und die Charismaforschung

Die „Wiederkehr des Religiösen“ und die Kritik am Säkularisierungsparadigma beschäftigt nicht nur die Pastoraltheologie,[13] sondern hat auch zu einer Neurezeption der Religionssoziologie von Max Weber geführt. Weber hat Rationalität und „Entzauberung der Welt“ als konstitutives Moment der Moderne mit der protestantischen Ethik und dem okzidentalen Mönchtum in Verbindung gebracht, er legte aber in seinem grundlegenden Werk „Wirtschaft und Herrschaft“ auch eine Theorie des Charismatischen vor.[14] Max Weber überführte den theologischen Charismabegriff in einen soziologischen. Aus der Sphäre des rein Religiösen transponierte er ihn in das Gegensatzpaar „Alltag“ und „Außeralltäglichkeit“,[15] zog dabei jedoch auch Parallelen zum Verständnis von Charisma in kirchlichen Strukturen.

Die charismatische Herrschaft ist für Weber das Gegenteil der bürokratischen, sie ist eine Sendung: „Die Träger des Charisma, der Herr wie die Jünger und Gefolgsleute, müssen, um ihrer Sendung genügen zu können, außerhalb der Bande dieser Welt stehen, außerhalb der Alltagsberufe ebenso wie außerhalb der alltäglichen Familienpflichten.“[16] Weber vergleicht diese „Weltabgewendetheit“ mit den Ordensgemeinschaften und verweist auf das Kloster als den außeralltäglichen Boden der charismatischen Gesinnung mit seiner radikalen Form des Zusammenlebens und Gemeinschaftsbesitzes.[17]

Charismatische Autorität muss sich bewähren, um zu bestehen, sie wohnt Propheten und Helden inne. Bilden diese eine Gefolgschaft, so stellt sich die Frage nach der Übertragung des Charisma an die Gruppe. Für die Kirche postuliert Weber ein „Amtscharisma“, „die durch die Priesterordination erworbene, unvertilgbare charismatische Qualifikation“.[18] In Charisma und Tradition sieht Weber „einander feindliche Mächte“:[19] „Die charismatische Verkündigung wird, auch wenn der Apostel mahnt: ‚den Geist nicht zu dämpfen‘[20], unvermeidlich – je nachdem – Dogma, Lehre, Theorie oder Reglement oder Rechtssatzung oder Inhalt einer sich versteinernden Tradition.“[21] Wenn die charismatische Befähigung zu einer sachlichen Qualität geworden ist, dann, so Weber, wird aus einer Gnadengabe, die sich bewähren muss, etwas Erwerbbares, das durch Erziehung angeeignet werden kann: durch Isolierung von der gewohnten Umgebung, Eintritt in eine besondere Gemeinschaft, Umgestaltung der gesamten Lebensführung, Askese, körperliche und seelische Exerzitien und schließlich „feierliche Rezeption der Erprobten in den Kreis der bewährten Träger des Charisma.“[22]

Ansteckende Begeisterung? Charismatisch sein in Kirche und Welt

Der Duden übersetzt Charisma auf zwei Weisen: als „Gesamtheit der durch den Geist Gottes bewirkten Gaben und Befähigungen des Christen in der Gemeinde“ und als „besondere Ausstrahlung[skraft] eines Menschen“.[23] Zahlreiche Ratgeber offerieren Hilfestellungen auf dem Weg zur charismatischen Persönlichkeit mit Führungskompetenz und natürlicher Autorität, zur Begeisterungsfähigkeit als angestrebte Managerqualifikation.

Die Wertschätzung einer sichtbaren, ausstrahlenden Be-Geisterung und für auffallendere Manifestationen des Geistes erscheinen auch bei den kirchlichen Charismatischen Bewegungen. Diese entstanden in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie beruhen auf verändernden Erfahrungen göttlicher Gegenwart, oft im Erlebnis einer „Geisttaufe“.[24] Die „Charismatische Erneuerung“ in der Katholischen Kirche, gegründet 1967[25] und seit Anfang der 1970er Jahre auch in Österreich aktiv, beabsichtigt, diese Erfahrung eines neuen persönlichen Pfingsten in die Kirche hineinzutragen und versteht sich „als eine Antwort auf die bedrängenden Krisen in der Kirche und des Glaubens“.[26] Deren Überwindung durch persönliche, tiefe Ergriffenheit und Gottesliebe läuft allerdings Gefahr, die auch widerständige und unberechenbare Dynamik des Charismatischen nach Rahner ebenso wie theologische Forschung und moralisches Handeln zu marginalisieren.[27]

Wenn nicht die Bewährung des Charismatikers durch sein Denken und Tun ihn legitimiert, ist seine subjektive Erfahrung umso wichtiger. Wo Rahner im Charisma ein Strukturprinzip der Kirche sieht, verlagert die Charismatische Erneuerung das Charisma stärker in die Lebenswelt des Individuums in der Erwartung, dass von dort eine erneuernde Wirkung auf die Gemeinden und die Gesamtkirche ausgeht. Es gibt auch keine Gründerpersönlichkeiten mit besonderem Charisma wie bei den Orden, die oft mit kirchlichen Traditionen gebrochen haben, Erneuerung zielt hier vielmehr auf eine tiefere Verbundenheit mit Lehramt und Tradition ab.[28]

Gerade in ihrer Frühzeit bestach die Charismatische Bewegung durch ihre Glaubenszeugnisse: Gottesbeziehung war hier zu einem zutiefst persönlichen Anliegen geworden, die enthusiastischen Gemeinschaftsfeiern erschienen lebendig und authentisch. Liberal eingestellte kirchliche Würdenträger wie der belgische Erzbischof und Kardinal Léon-Joseph Suenens sympathisierten mit der noch jungen Charismatischen Bewegung. Suenens war es auch, der in das 2. Vatikanische Konzil und sein Dekret über die Kirche eine Neubewertung der Charismen einbringen sollte.[29]

Der Geist weht, wo er will: Charismen in den Konzilsdokumenten des 2. Vatikanums

Beim 2. Vatikanischen Konzil (1962–1965) wurden zum ersten Mal in der Geschichte der katholischen Kirche die Charismen als Wesenselement in der Kirche beschrieben. Der Begriff „Charisma“ wird in den Konzilsdokumenten elfmal erwähnt und behandelt: fünf Mal im Dekret Lumen Gentium (Über die Kirche), drei Mal in Apostolicam Actuositatem (Über das Laienapostolat) und jeweils ein Mal in Dei Verbi (Über die göttliche Offenbarung), Ad Gentes (Über die Missionstätigkeit der Kirche) und in Presbyterorum Ordinis (Über Dienst und Leben der Priester).

Bei den Vorbereitungen zu Lumen Gentium, einem der zentralen Dokumente des Konzils, griff das Gebot des Aggiornamento an das Herzstück des Selbstverständnisses der Kirche und damit auch der Konzilsväter selbst. Der Zeichen der Zeit war man sich bewusst: Gestern, meinte ein Konzilstheologe, habe man die Kirche vor allem als Institution betrachtet, heute erfahre man sie als Gemeinschaft. Gestern habe die Theologie die Wichtigkeit der Hierarchie hervorgehoben, heute entdecke sie das Volk Gottes. Gestern habe man vor allem das innere Leben der Kirche betrachtet, heute schaue man auf die nach außen hin gerichtete Kirche.[30]

Lumen Gentium stellt die „hierarchischen und charismatischen Gaben“ des Geistes, der „in der Kirche und in den Herzen der Gläubigen“ wohnt, gleich.[31] Das Dekret spricht von der Kirche als pilgerndem Volk Gottes, von einem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen und von einer „wahre[n] Gleichheit in der allen Gläubigen gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi“.[32] Die Charismen teilen nicht zwischen Klerus und Laien, vielmehr können Gläubige jeglichen Standes „besondere Gaben“ erhalten. Aber nicht nur Charismen „besonderer Leuchtkraft“ gibt es, sondern auch solche, die „schlichter und allgemeiner verbreitet sind“.[33] Der Heilige Geist ist im Gemeindealltag angekommen, auch den einfachen Gaben wie Dienst, Lehre, Mahnung, Trost, Liebe (Röm 12,6-8) und Hilfeleistungen (1 Kor 12,28) kommt Sendungscharakter zu. Nicht nur einigen Auserwählten, sondern „jedem wird der Erweis des Geistes zum Nutzen gegeben“: Auf der Grundlage der gemeinsamen Berufung ist jeder Christ ein Charismatiker und hat jede und jeder ein Charisma.[34] Das Dekret warnt hier aber vor einer Leistungsorientiertheit: Alle Charismen seien zwar „nützlich“, man darf aber nicht „vermessentlich Früchte für die apostolische Tätigkeit“ von ihnen erwarten.[35]

In Apostolicam Actuositatem werden die Charismen als Fundament allen Apostolats hervorgehoben. Aus dem Empfang der Gnadengaben erwächst den Gläubigen das Recht und die Pflicht, diese „zum Wohl der Menschen und zum Aufbau der Kirche zu gebrauchen“. Dabei wird die Leitungsaufgabe des Hirtenamts, das über den „geordneten Gebrauch der Charismen“ zu urteilen hat, in Balance gebracht mit dem Hinweis, dass dieser Gebrauch in der Freiheit des Heiligen Geistes geschehen soll, der „weht, wo er will (Joh 3,8)“, und in Gemeinschaft mit den Geschwistern in Christus.[36]

Das Dekret über das Laienapostolat darf durchaus auch auf die Ordenschrist*innen angewendet werden, denn das Konzil unterscheidet bei aller Wertschätzung und Heraushebung des Ordenslebens bei den Ständen nur zwischen den Klerikern und den Laien ohne Weihe. Beim Passus über das „aktive Leben“ im Dekret über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens Perfectae Caritatis ist zwar nicht wörtlich von Charisma die Rede, jedoch in Anlehnung an Röm 12,5–8 von den Gnadengaben des Geistes: Dienst, Lehre, Mahnung, Hilfeleistung und Barmherzigkeit.[37] Um jedoch das „Alleinstellungsmerkmal“ eines Ordens zu beschreiben, verwendet das Konzil die Begriffe „Eigenart“ und „besondere Aufgabe“ (indoles et munus).[38] Sie ergeben sich aus der Gründungsabsicht und der Tradition der Gemeinschaft. Alle Ordensgemeinschaften tragen prophetischen Zeichencharakter in der Nachfolge Christi, insofern ist ihnen das Charisma der Prophetie gemeinsam.[39]

Ordenscharisma: Offen für Kreativität

Das „Dizionario degli istituti di perfezione“ konstatierte 1975 eine gewisse Konfusion bei der Anwendung des Charismabegriffs auf die Orden.[40] Es verweist darauf, dass Charisma den Stifter*innen zukommt, Orden sind charismatisch begründete Gemeinschaften. Die Ordensregel, die von den Gründer*innen verfasst oder zumindest angelegt und initiiert wurden, zu befolgen, legt Zeugnis ab für ein sich stets erneuerndes Leben nach dem Heiligen Geist, der wie eine „Bewässerung“ Lebendigkeit und Erneuerung bewirkt.[41] Charisma des Ordensstandes ist sein Zeichencharakter: Er verweist durch das Leben nach den evangelischen Räten und seine besondere Lebensform, sei sie kontemplativ oder aktiv, auf „die himmlischen Güter, die schon in dieser Zeit gegenwärtig sind“, und hat damit Anteil am Charismatischen der Kirche. Berufung zum Ordensleben ist eine Gnadengabe des lebendigen Geistes Jesu.[42]

Das in der Zeit weitergetragene und weiterzuentwickelnde Gründungscharisma, das „kristallisierte Charisma“, muss offen bleiben für die Freiheit des Geistes und seine Inspiration. Eine Spannung zwischen Charismen und Institution ist unvermeidlich. Denn die Charismen der Gründer*innen zielten auf eine Öffnung kirchlicher Institutionen in ihrer Zeit ab, und nicht wenige scheiterten wegen der innovativen Verfasstheit ihrer Gründungen an innerkirchlicher Opposition, etwa die ursprünglich beabsichtigte Konstitution des Heimsuchungsordens von Franz von Sales, die erstmals für einen Frauenorden ein Ordensleben ohne ewige Gelübde und ohne klösterliche Klausur vorsah.[43]

Das erste päpstliche Dekret nach dem 2. Vatikanischen Konzile über die Orden, Mutuae relationes[44], beschäftigte sich daher auch mit ihrem Verhältnis zu den Bischöfen, die angehalten sind, für die Ordenscharismen (religiosa charismata) Sorge zu tragen.[45] Diese werden zurückgebunden an das Charisma der Gründer*innen, Ordenscharisma wird also wesentlich als Gründungscharisma definiert, nach dem die Ordensleute leben, das sie hüten, vertiefen und ständig weiterentwickeln sollen.[46] Das Ordenscharisma erscheint dann als „Eigenart“ (indoles), besondere „charismatische Note“ (charismatica nota) oder „gemeinsame Zielrichtung“ (communitaria conformatio) der Ordensgemeinschaft, innerhalb dessen die Charismen der einzelnen Ordensleute erfahren und gelebt werden.[47]

Das apostolische Schreiben Vita Consecrata aus 1996[48] präzisiert die „Treue zum Charisma“ im Verweis auf die Trinität: Im Vater ist die Erfahrung der persönlichen Berufung und das Leben nach den evangelischen Räten stets neu „wieder[zu]entdecken und intensiver wieder[zu]beleben“, in Orientierung am Sohn wird Gemeinschaft und Nachfolge erlebt und auch erlitten, im Heiligen Geist verwirklichen Ordensleute Dienst und Apostolat auf ihrem persönlichen Weg und innerhalb der Ordensgemeinschaft.[49]

Ordenscharisma wird also in Nachfolge zu den Konzilstexten, besonders zu Lumen Gentium, als eine besondere Berufung zum Dienst in der Kirche gesehen, deren konkretes Apostolat aus der charismatischen Gründung erwächst.

Jüngere kirchliche Dokumente verweisen angesichts der gegenwärtigen besonderen Schwierigkeiten für die Weiterentwicklung des Gründungscharisma, das sich in großen, von vielen Orden kaum mehr selbst zu führenden Sozialwerken manifestiert hat, wieder stärker das dynamisch Charismatische des Ordenslebens. Mit der „charismatischen Kreativität“ der Gründer*innen soll auf die Herausforderungen der Zeit geantwortet werden, erinnert eine Instruktion der Religiosenkongregation im Jahr 2002.[50]

Ordenscharisma weitergeben?

Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich, dass ein Ordenscharisma nur innerhalb des Ordens weitergegeben werden kann, weil es eine Berufung zum Leben nach den evangelischen Räten notwendigerweise miteinschließt. Im theologischen Verständnis ist Ordenscharisma weit mehr als die Corporate Identity eines Ordens. Nach der Übergabe der Werke an eine Trägerorganisation stellt sich die Frage nach der Weiterentwicklung des Gründungscharisma im Orden grundlegend neu, das ist eine Herausforderung, aber auch eine große Chance.[51]

Nichtsdestoweniger ist der Anspruch, ein von einem Orden gegründetes Spital oder eine Schule im Geist des Ordens weiterzuführen, ein wichtiger Beitrag, die Früchte aus dem Wirken des Geistes in der Sendung der Kirche nicht nur zu bewahren und zu pflegen, sondern aus den Samen neu zu pflanzen, zu veredeln und zu kultivieren. Dazu braucht es den Blick auf die Wurzeln, auf die Jahresringe des Stammes und auf das Wachstum der Zweige.

Für die Ordensgemeinschaft soll die Weiterführung der Schulen und Spitäler keine Notlösung sein, die aus Nachwuchsmangel geboren ist. Auch den sogenannten „Laien“ sind Charismen des Geistes gegeben, die in den Werken zur Entfaltung kommen können. Der lebendige Geist Christi hat einen neuen Weg gefunden, den Dienst der Kirche an der Welt neu zu gestalten und die charismatischen Inspirationen der Ordensgründer*innen auf besondere Weise weiterzutragen.

 

 

Helga Penz studierte Geschichte, Kunstgeschichte, Museumskunde und Archivwissenschaft in Wien. Als Archivarin und Historikerin arbeitete sie in mehreren Ordensarchiven, zuletzt im Stiftsarchiv Herzogenburg. Von 2010 bis 2018 leitete sie das Referat für die Kulturgüter der Orden. Seit 2019 ist sie für das Forschungsprojekt „Geschichte der Barmherzigen Schwestern des Hl. Vinzenz von Paul in Wien-Gumpendorf“ tätig.
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[1] Gerhard Dautzenberg, Art. Charisma, in: Lexikon für Theologie und Kirche (im Folgenden LThK) 2 (32006) 1014.

[2] Gerhard Viehhauser, Streben nach Charisma und Heilung: Theologie der Charismen in der Hermeneutik der Erfahrung auf der Grundlage von 1 Kor 12-14. Stationen der kirchlichen Rezeption bis heute (Innsbruck–Wien 2009) 29.

[3] Ebd. 49.

[4] Ebd. 82.

[5] Karl Rahner, Art. Charisma, in: LThK 2 (21958) 1025.

[6] Georg Schöllgen, Art. Montanismus, in: LThK 7 (32006) 435.

[7] Viehhauser, Streben (wie Anm. 2) 111.

[8] Karl Rahner, Bemerkungen über das Charismatische in der Kirche, in: Geist und Leben 42 (1969) 251–262, online unter https://www.geist-und-leben.de/archiv/archiv-gul/45-gul-42-1969/761-heft-4-juliaugust.html [Zugriff: 3.9.2019]. Vgl. Ders., Das Charismatische in der Kirche, in: Stimmen der Zeit 82 (1956/57) 161–185.

[9] Rahner, Bemerkungen (wie Anm. 8) 255.

[10] Diesbezügliche Briefe von Karl Rahner an seinen Provinzial sind im Provinzarchiv der Gesellschaft Jesu in Wien vorhanden, in dem ich von 2000 bis 2004 als Archivarin arbeitete.

[11] Rahner, Bemerkungen (wie Anm. 8) 262.

[12] Ebd. 259.

[13] Vgl. z. B. Regina Polak (Hg.), Megatrend Religion? Neue Religiositäten in Europa (Ostfildern 2002).

[14] Max WEBER, Wirtschaft und Gesellschaft (Grundriss der Sozialökonomie 3, Tübingen 1922), online unter https://archive.org/details/wirtschaftundges00webeuoft [Zugriff: 4.9.2019].

[15] Vgl. Winfried Gebhardt, Formen des institutionalisierten Charisma – Überlegungen in Anschluß an Max Weber, in: Ders. (Hg.), Charisma: Theorie, Religion, Politik (Berlin–New York 1993) 47–70. Siehe auch Arnold Zingerle, Art. Max Weber, in: LThK 10 (32006) 994.

[16] Weber, Wirtschaft (wie Anm. 14) 755.

[17] Ebd. 761.

[18] Ebd. 774f.

[19] Ebd. 756.

[20] Löscht den Geist nicht aus! (1 Thess 5,19).

[21] Weber, Wirtschaft (wie Anm. 14) 756.

[22] Ebd. 776.

[24] Norbert Baumert, Art. Charismatische Bewegungen, in: LThK 2 (32006) 1018f.

[25] Als Geburtsstunde der Charismatischen Erneuerung gelten die von 16. bis 18. Februar 1967 gehaltenen Einkehrtage amerikanischer Studenten in Duquesne (Pittsburgh/Pennsylvania), siehe https://www.erneuerung.de [Zugriff: am 4.9.2019].

[26] https://www.erneuerung.at [Zugriff: 4.9.2019].

[27] „We need a Copernican revolution in the common mindset of believing Catholics, not a revolution in the official doctrine of the Church […], for centuries the emphasis was so much on morality […]. Faith blossoms not in den context of theology, apologetics and morality“: Fr. Raniero Cantalamessa, The Catholic Charismatic Renewal. A Current of Grace for the whole Church, in: Charis Magazine 1 (2019) 17–27, hier 19f., online unter https://www.charis.international [Zugriff: 4.9.2019].

[28] Hanns-Werner Eichelberger, Alltagscharismen. Über das ‚Charisma‘ der charismatischen Erneuerungsbewegungen, in: GEBHARDT, Formen (wie Anm. 15) 91–108, hier 105f.

[29] Viehhauser, Streben (wie Anm. 2) 119f.

[30] Gérard Philips, Die Geschichte der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“, in: LThK, Supplementband 1 (21966) 140.

[31] LG 4.

[32] LG 10; 32.

[33] LG 12.

[34] Ebd.; vgl. Martin Sihorsch, Charisma als Offenbarungsdimension Gottes: Charismen und Charismatische Struktur der Kirche im Licht der Tradition und des II. Vatikanischen Konzils (ungedr. Dipl.-Arb. Universität Salzburg 1992) 65.

[35] Ebd.

[36] AA 3.

[37] PC 8.

[38] PC 2.

[39] Eugen Mederlet, Die Charismen in der römisch-katholischen Kirche heute, in: Reiner-Friedemann EDEL (Hg.), Kirche und Charisma. Die Gaben des Heiligen Geistes im Neuen Testament, in der Kirchengeschichte und in der Gegenwart (Ökumenische Texte und Studien 35, Marburg 1966) 144.

[40] Pie-Raymond Régamey, Art. Carismi, in: Dizionario degli istituti di perfezione 2 (1975) 299.

[41] Ebd. 305f.

[42] Ebd. 307f.; LG 44.

[43] Régamey, Carismi (wie Anm. 12) 314; vgl. Gisela FLECKENSTEIN, Der Orden von der Heimsuchung Marias. Grundlagen, Entwicklung, Struktur, in: Helga PENZ (Hg.), Das Kloster der Kaiserin. 300 Jahre Salesianerinnen in Wien (Petersberg 2017) 59–69, hier 59f.

[44] Mutuae relationes, in: Acta Apostolicae Sedis 70 (1978) 473–506, online unter http://www.vatican.va/archive/aas/documents/AAS-70-1978-ocr.pdf [Zugriff: 7.9.2019], deutsch online unter http://kathpedia.com/index.php?title=Mutuae_relationes [Zugriff: 7.9.2019].

[45] Mutuae relationes 9c.

[46] Ebd. 11.

[47] Ebd. 11 und 12.

[48] Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens: Instruktion „Neubeginn in Christus. Ein neuer Aufbruch des geweihten Lebens im dritten Jahrtausend (14. Juni 2002), online unter http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/ccscrlife/documents/hf_jp-ii_exh_25031996_vita-consecrata_ge.html [Zugriff: 7.9.2019].

[49] Ebd. 36.

[51] Ordenscharisma nach Abgabe der Werke [Bericht über eine Gesprächsrunde], Moderatorin Sr. Katharina Maria Finken, in: Ordenskorrespondenz Jg. 2011, 295f., online unter https://www.orden.de/dokumente/1._Ordenskorrespondenz/2011/Gespraechsrunden_Ordenscharisma%20nach%20Abgabe%20der%20Werke_2011.pdf [Zugriff: 7.9.2019].

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Referat für die Kulturgüter der Orden