Mitteilungen des Referats für die
Kulturgüter der Orden - MiRKO

Provinzzusammenlegungen und kein Ende? Perspektiven europäischer Ordensgeschichte

Für die Orden und religiösen Gemeinschaften war das 20. Jahrhundert ein extrem ereignisreiches und spannendes Jahrhundert. Obwohl das Wort „Transformation“ in der Geschichtswissenschaft einen geradezu inflationären Gebrauch erlebt, ist es für die Geschichte der Orden angemessen. Es geht um Übergänge von traditionellen in neue, vom Kirchenrecht noch nicht gedeckte Formen. Es geht um den Verlust territorialer Verwurzelung und den Zugewinn an neuen Orten der Wirksamkeit. Es geht um die schicksalhafte Einbindung in politische und gesellschaftliche Strukturen. Alles das rechtfertigt es, von Transformation der Orden zu sprechen.

1. Phänomenologie religiöser Gemeinschaften im 20. Jahrhundert

Wenn wir von Orden im 20. Jahrhundert sprechen, müssen wir die Pluralität der Lebensformen beachten.

An erster Stelle sind die monastischen und kanonikalen Orden und Stifte zu nennen. Viele von ihnen existieren bereits Jahrhunderte. Die Aufhebungen im Umfeld des Josephinismus, der Französischen Revolution und der Säkularisation am Beginn des 19. Jahrhunderts haben die Klosterlandschaft sehr beeinträchtigt. Ab dem zweiten Drittel des 19. und im 20. Jahrhundert kam es an vielen Stellen zu Neugründungen, wobei häufig alte Stätten religiösen Lebens wiederbelebt wurden, nicht immer von denselben spirituellen Familien wie vor der Auflösung. So wurde etwa in Beuron statt des 1803 aufgehobenen Augustiner-Chorherrenstifts 1863 eine Benediktinerabtei gegründet.

Die seit dem 16. Jahrhundert entstehenden Klerikerorden waren besonders in innerkirchliche und staatliche Widerstände verstrickt. Die Aufhebung der Jesuiten im Jahr 1773 hatte massive Auswirkungen auf die Seelsorge und den Bildungsstand der katholischen Bevölkerung. Nach ihrer Neugründung 1814 gerieten sie ebenso wie die Redemptoristen in den Sog der europäischen Kulturkämpfe im Umkreis des Ersten Vatikanischen Konzils.

Mehrere im 19. Jahrhundert gegründete Kongregationen widmeten sich speziell der Mission in außereuropäischen Kolonien. Sie waren in Deutschland nach dem Kulturkampf in den staatlichen Kolonialismus eingebunden und konnten große personelle Zuwächse verzeichnen. Einen Neuansatz in der Realisierung ihrer Sendung brachte der Verlust der deutschen Kolonien durch den Ersten Weltkrieg.

In den beiden Bereichen Schule und Bildung sowie Krankenpflege waren und sind die vielen Frauengemeinschaften tätig, die im 19. und 20. Jahrhundert gegründet wurden. Die Apostolische Konstitution „Conditae a Christo“ (8. Dezember 1900) gab ihnen einen eigenen rechtlichen Status gegenüber den monastischen, kanonikalen und Priesterorden. In der Pluralität der Kongregationen und ihrer nahezu flächendeckenden Präsenz prägten sie katholisches Leben in den Gemeinden bis weit nach dem Zweiten Vaticanum.

Mit den Kongregationen und ihrem spezifischen kirchenrechtlichen Status war der Weg für weitere Formen religiösen Lebens geöffnet. Die Mitglieder von Säkularinstituten versuchen, geweihtes Leben mit dem Leben in der Welt zu verbinden. Viele ihrer Anliegen wurden durch die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils von den traditionelleren Gemeinschaften aufgegriffen. Die meisten Säkularinstitute sind klein geblieben, vor allem wenn sie dem ursprünglichen Anliegen der „Unsichtbarkeit“ ihrer Mitglieder folgten.

Wenn von Orden die Rede ist, dürfen die Gruppen nicht vergessen werden, die sich um bestehende Gemeinschaften sammeln und in unterschiedlichen Formen ihre geistliche Zugehörigkeit realisieren. Dazu zählen die Oblaten monastischer Gemeinschaften ebenso wie die Dritten Orden, aber auch die Geistlichen Bewegungen, die entweder aus älteren Spiritualitätsfamilien erwachsen sind oder selbst neue Ansätze bilden. Religiöses Leben, ob in ausdrücklicher Form geweihten Lebens oder in einer lockeren Form der Zugehörigkeit, geht weiter.

Diese Vielfalt gilt es im Blick zu behalten, wenn im Folgenden schlaglichtartig einige Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts beleuchtet werden. Sie macht deutlich, dass Veränderungen nicht nur aus Personalmangel oder politischen Gegebenheiten erfolgen mussten, sondern sich ebenso sehr dem Wandel des Ordenslebens und seinen internen Strukturen verdankten.

2. Politische Umbrüche und ihre Folgen für die Orden

Das Ende des Ersten Weltkriegs war für die Orden in Mitteleuropa ein großer Einschnitt. Jüngere Untersuchungen[1] haben auf die massive Nationalisierung hingewiesen, deren Folgen erste große Verschiebungen von Bevölkerungsgruppen waren. Davon waren auch manche Klöster betroffen. So wurden die deutschsprachigen Mönche des Klosters Emmaus nach der Gründung der Tschechoslowakei zum Verlassen Prags gezwungen. Abt Alban Schachleiter[2] vertrat eine extrem deutsch-nationale Position, die ihn später zu einem Anhänger Hitlers werden ließ. Die Emmaus-Mönche zogen zum Teil nach Neresheim, wo sie zusammen mit Beuroner Mönchen einen Neuanfang wagten. Ein anderer Teil besiedelte die ehemalige Zisterzienserabtei Grüssau in Schlesien. Deren Mönche zogen nach dem Zweiten Weltkrieg weiter nach Bad Wimpfen in ein ehemaliges Ritterstift. Auch dieses Kloster ist inzwischen aufgehoben und mit der Abtei Neuburg bei Heidelberg vereinigt. An diesem Beispiel lassen sich gut die Folgen des Ersten Weltkriegs aufzeigen. Ein Kloster aus deutschen und tschechischen Mönchen bricht auseinander, ein Teil geht nach Baden-Württemberg, ein anderer Teil nach Schlesien. Als Folge des Zweiten Weltkriegs müssen die Mönche aus Schlesien ihr Kloster verlassen und transferieren es in den Westen. Emmaus in Prag ist ein Beispiel für die Verflechtung von Religion und Politik, aber auch für die Fähigkeit des benediktinischen Mönchtums, ihre Stabilitas mit räumlicher Flexibilität zu verbinden.

Eine weitere Folge des Ersten Weltkriegs betraf Deutschland. Die Weimarer Reichsverfassung legte in Art. 137 fest: „Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften wird gewährleistet. Der Zusammenschluss von Religionsgesellschaften innerhalb des Reichsgebiets unterliegt keinen Beschränkungen.“[3].

Damit waren die einschränkenden Bestimmungen des Kulturkampfs aufgehoben. So konnten nicht nur die Jesuiten, deren Verbot bereits 1917 beendet wurde, wieder ungehindert tätig werden, sondern es waren auch Neugründungen und Ausweitungen der Tätigkeiten ermöglicht. Das betraf etwa die Missionsgesellschaften, die in Preußen nur zur Ausbildung künftiger Missionare und Aushilfe in der Seelsorge zugelassen waren. Nun konnten sie andere Aktivitäten übernehmen. Manche großen Klosterbauten zeugen auch nach ihrer Umwidmung von der großen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, wie etwa das Seminar der Steyler Missionare in Ingolstadt, das heute die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt beherbergt. Für die Pallottiner war die von P. Joseph Kentenich initiierte Schönstatt-Bewegung mit ihrer Breitenwirkung in akademische Kreise von Lehrerinnen und Lehrern sowie Diözesanpriestern eine gute Möglichkeit, in der Pastoral der Weimarer Republik Fuß zu fassen. Andere Orden übernahmen die Seelsorge an Wallfahrtsorten.

Massiv beeinträchtigt wurden die Orden durch die totalitären Diktaturen. Drei Beispiele, die beliebig vermehrt werden könnten, mögen genügen.

Am 13. Oktober 2013 wurden in Tarragona 522 Märtyrer aus dem Spanischen Bürgerkrieg seliggesprochen. Unter ihnen waren mehrere Gruppen von Ordensleuten, die von Juli bis Oktober 1936 überfallen und getötet wurden: insgesamt 26 Priester und Studenten der Passionisten; 71 Brüder der Barmherzigen Brüder vom heiligen Johannes von Gott, darunter zwei Provinziale und die meisten Novizen; 50 Priester und Studenten der Claretiner; 13 Priester der Piaristen; 17 Mitglieder der Brüder der christlichen Schulen (La-Salle-Schulbrüder); sieben Augustiner-Rekollekten. Die Orden, aber auch der Diözesanklerus und viele engagierte Laien der Katholischen Aktion, haben in dem dreijährigen Bürgerkrieg zwischen 1936 und 1939 einen hohen Blutzoll gezahlt. Doch im Zuge der Aufarbeitung der Franco-Diktatur wird auch sichtbar, dass die Kirche und die Angehörigen religiöser Orden zur Spaltung der spanischen Gesellschaft beigetragen haben. Auf beiden Seiten, auf der Seite der Republikaner und der Faschisten, gab es Vertreter der Kirche.

Kollaboration mit der nationalsozialistischen Regierung gab es auch bei den deutschen Orden. Besonders in der Frage des Wehrdienstes und des damit verbundenen Fahneneids auf Adolf Hitler als Person zeigten sich die einberufenen Ordensleute als loyale Staatsbürger. Der Fall des Pallottinerpaters Franz Reinisch, der diesen Eid verweigerte, wurde deshalb von den Zeitgenossen als skandalös wahrgenommen. Der schwerste Schlag gegen die Orden bestand im so genannten „Klostersturm“, der Aufhebung von ca. 140 Klöstern im ersten Halbjahr 1941. Die Zerschlagung kirchlicher Strukturen und besonders der Netzwerke der Orden gelang im Deutschen Reich nicht. Stärker betroffen war Österreich mit der Aufhebung zahlreicher Klöster, der Auflösung von Ordensschulen und Bildungseinrichtungen und der Beschlagnahmung von Kirchenvermögen, besonders des Religionsfonds.

In den Ländern des Ostblocks setzte sich die Kirchenverfolgung nahtlos fort. Die Mitglieder der deutschsprachigen Klöster im Sudetenland wurden gleich nach Kriegsende vertrieben, ihre Einrichtungen teilweise von tschechischen Ordensleuten übernommen. In der Nacht vom 13. auf den 14. April 1950 wurden mit der „Aktion K“ (Klöster) die männlichen Ordensgemeinschaften aufgelöst und aus 247 Klöstern insgesamt 2.500 Mitglieder interniert. Dasselbe geschah den weiblichen Ordensgemeinschaften. Viele mussten mehrere Jahre in Konzentrationsklöstern zubringen. Von diesem Schlag haben sich die tschechischen Orden nie mehr erholt, weder in der Zeit der kurzen Freiheit während des Prager Frühlings 1968 noch nach der Wende 1989/1990.

Von den politischen Veränderungen und Umbrüchen sind alle Gemeinschaften betroffen, deren Fokus auf den Missionen liegt. Von der Missionsbegeisterung in Europa profitierten die jungen Kirchen in den Ländern des Südens. Missionsgesellschaften standen im Dienst europäischer Kolonialpolitik und europäischer Imperialismusbestrebungen. Diese Symbiose endete mit dem Ersten Weltkrieg. Für manche eröffneten sich neue Missionsgebiete. So wurde der zweite Bischof Kameruns, der Pallottiner Franziskus Hennemann, 1922 erster Bischof der südafrikanischen Diözese Kapstadt und zog seine Gemeinschaft nach. Das andauernde Engagement der Orden für die Missionen kam besonders nach der Weltwirtschaftskrise in den Blick staatlicher Gesetze. Propagandistisch ausgeschlachtet wurde der illegal getätigte Transfer von Geld aus dem Deutschen Reich durch die Devisenprozesse 1935.

Seit gut zwei Jahrzehnten gilt Europa als zu missionierender Kontinent. Für die Steyler Missionare ist Europa deshalb eine der Missionsoptionen auch für Mitglieder aus Asien. Vor allem aus Indien sind Hunderte von Ordenspriestern in Europa tätig und weiten den weltkirchlichen Blick der Pfarreien. Das gleiche gilt für die Ordensschwestern, die in Krankenhäusern und Altenheimen ihren Dienst tun und bereits den größten Teil der Schwestern unter 65 Jahren ausmachen. Zum Teil sind die Mitglieder dieser Gemeinschaften bereits mit Höheren Obern in Europa vertreten.

3. Das Konzil und die Folgen

Das Zweite Vatikanische Konzil hatte weitreichende Folgen für die Orden. Es forderte zu inneren Reformen auf, machte aber gleichzeitig deutlich, dass Orden keine „parallele Kirche“ darstellen, sondern Teil einer bischöflich-diözesan verfassten Kirche sind.

Die Physiognomie der Orden, wie sie sich heute in ihrer Vielfalt und doch relativ großen Einheitlichkeit darstellt, ist eine Folge des Konzils:

Die religiösen Gemeinschaften mussten ihre Satzungen, Regeln und Konstitutionen neu fassen. Das Besondere daran war, dass die römische Religiosenkongregation diesen Prozess nicht bremsend, sondern ermutigend begleitete. Der dreifache Durchlauf durch die Reformkapitel bis nach der Promulgation des Codex Iuris Canonici von 1983 war ein einzigartiger Prozess der Selbstvergewisserung der Orden.

Dadurch veränderten sich die Aufgaben im Blick auf die ursprüngliche Sendung und charismatische Ausrichtung. Für die Jesuiten zeigte sich das in der Neuentdeckung der Exerzitien als christliches Lebens- und Entscheidungsmodell. Die franziskanischen Gemeinschaften orientierten sich an den paradigmatischen Gestalten des Franziskus und der Klara. Viele Gemeinschaften wurden sich der Zugehörigkeit zu einer der großen Spiritualitätsfamilien bewusst.

Vielleicht die wichtigste Veränderung initiierte das Konzil im Verständnis des Gehorsams. Perfectae Caritatis 14 stellte den Ordensgehorsam in den Dienst der Personwürde und des Wachstums zur Freiheit der Kinder Gottes. Der dem Konzil entsprechende Gehorsam sollte aktiv und verantwortlich sein und dem Wohl des Instituts und der Kirche dienen. Dieses Gehorsamsverständnis hatte Auswirkungen auf die Beziehungen innerhalb der Gemeinschaften zwischen Obern und Mitgliedern, auf ein sensibleres Eingehen auf Begabungen und Wünsche sowie auf mögliche Einsatzgebiete und die Etablierung von Institutionen (Bildungs- oder Exerzitienhäuser usw.) im Umfeld der Klöster.

Voraussetzung dafür, dass neue Apostolatsgebiete übernommen werden konnten, war in erster Linie die verbesserte Bildung der Ordensschwestern. Seit Pius XII. wurde der professionellen Ausbildung von Schwestern eine hohe Bedeutung zugemessen. Schwestern sind heute in Berufen tätig, die weit über das traditionelle Schema von Kindergarten, Schule, Krankenhaus und Altenheim hinausgehen.

Damit einher ging eine Modernisierung der Gemeinschaften, die jedoch auch den sich wandelnden Zeitumständen unterworfen ist. Symbolisch lässt sich dies an der religiösen Kleidung, dem Habit, festmachen. Nach dem Konzil wurde der Habit in den meisten Schwesterngemeinschaften den vom Konzil geforderten Kennzeichen von Schlichtheit und Schicklichkeit, Gesundheit sowie Orts- und Aufgabenorientierung angepasst. Doch rasch stellte sich die Frage, ob eine äußere Kennzeichnung durch die Kleidung überhaupt angemessen sei. Was sich bei Priestern und Ordensmännern schon früher durchgesetzt hatte, vollzogen Schwestern mit Zeitverzögerung – den Übergang zu ziviler Kleidung. Doch auch das ist jenseits der Einschränkungen öffentlicher Sichtbarkeit in den kommunistischen Ländern eine Botschaft, die von ihren Trägern ausgesandt wird.

Diese Ansätze zu einem positiven Bild der Orden fallen mit großen personellen Problemen zusammen. Am Vorabend des Konzils hatten die Mitgliederzahlen der Schwesterngemeinschaften in Deutschland ihren Höhepunkt erreicht, und das, obwohl seit 1935 die Zahl der Eintritte bereits kontinuierlich abgenommen hatte. In den letzten 20 Jahren hat sich die Demographie der Orden nur noch nach unten verändert.

Ende 1997 gab es in Deutschland 35.160 Schwestern, Ende 2017 noch 15.038 – ein Rückgang um 58 %[4]. Für Österreich sehen die Vergleichszahlen so aus: Ende 1997 gab es 6.629, Ende 2017 3.353 Schwestern – ein Rückgang um 50 %[5]. In der Altersstruktur[6] steht Österreich etwas besser da: Über 65 Jahre sind in der Alpenrepublik 78 % der Schwestern, in Deutschland dagegen 84 %. Auch bei den Männern hat Österreich die bessere Bilanz: 45 % sind älter als 65 Jahre, in Deutschland sind 45 % jünger als 65 Jahre[7].

Diese Situation wirkt sich in der Schließung von Klöstern und Niederlassungen aus. In den vergangenen Jahren wurden in Deutschland das Benediktinerkloster auf dem Michaelsberg in Siegburg, das Zisterzienserkloster Himmerod in der Eifel, das Salesianerinnenkloster Beuerberg und die Trappistenabtei Mariawald aus Altersgründen aufgelöst. Nach einem Rechtsstreit wurde 2017 das einzige deutsche Kloster der Birgittinnen in Altomünster aufgehoben. Ebenfalls wurde das schwäbische Benediktinerkloster Weingarten aufgegeben. Andere Klöster haben Schwierigkeiten, einen Abt zu wählen und setzen deshalb vorübergehend einen Prior-Administrator ein.

In Siegburg sind den Benediktinern indische Karmeliter gefolgt. Auch das ist ein Zeichen der Internationalisierung des europäischen Ordenslebens. Die boomenden Mitgliederzahlen bei den Zisterziensern in Heiligenkreuz verdanken sich ja nicht nur österreichischen Interessenten, sondern angehenden Zisterziensern aus der ganzen Welt.

Um dem ausbleibenden Nachwuchs gerecht werden zu können, vergrößerten die Orden zunächst den Einzugsbereich ihrer Noviziate. Für die deutschsprachigen Jesuiten ist Nürnberg der Ort des Noviziats. Einige Jahre hatten auch die Franziskaner ihr Einführungsjahr in Franken.

Der nächste Schritt ist die Zusammenlegung von Provinzen. An vier Beispielen soll die Komplexität dieser Vorgänge erläutert werden:

Der Jesuitenorden wurde nach seiner Aufhebung im Jahr 1773 durch Pius VII. 1814 wieder errichtet. Seit 1556 hatte es eine Oberdeutsche und eine Niederdeutsche Provinz gegeben. Zur Oberdeutschen Provinz gehörten auch Holland und Belgien sowie die Schweiz. Ein Neuanfang begann im 19. Jahrhundert zunächst in der Schweiz. 1832 trennten sich die belgisch-niederländischen[8] von den deutsch-schweizerischen Jesuiten, die ihr Provinzialat in Fribourg hatten. 1849 konnten die Jesuiten nach Deutschland zurückkehren und bildeten seit 1852 die „Provincia Germania Superior et Inferior“, seit 1853 „Provincia Germaniae“. Diese umfasste die Schweiz, Deutschland ohne Österreich und Vorarlberg. Schlesien, Ost- und Westpreußen gehörten zur Galizischen Provinz, aus der 1931 die Ostdeutsche Provinz hervorging. Nach der Vertreibung aus dem Deutschen Reich in der Folge des Kulturkampfs existierten offiziell nur Studienhäuser und Niederlassungen im Ausland, wenn auch in Grenznähe zum Deutschen Reich.

Teilungen der Provincia Germaniae konnten erst nach der Wiederzulassung 1917 vorgenommen werden. 1921 teilten sich die Oberdeutsche und die Niederdeutsche Provinz. 1931 entstand die Ostdeutsche Provinz mit den Bistümern Breslau sowie Niederlassungen in Sachsen und Ostpreußen. Litauen wurde 1936 eigenständige Vizeprovinz. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die schlesischen und ostpreußischen Niederlassungen zur Polnischen Provinz. Die Ostdeutsche Provinz fusionierte 1977 mit der Oberdeutschen. Nach einem längeren Prozess der Zusammenführung der gemeinsamen Einrichtungen wurde 2004 die Deutsche Provinz mit Sitz in München gegründet.

Nach Österreich kehrten die Jesuiten im 19. Jahrhundert durch die in Russland „überwinternden“ Mitglieder zurück. Die erste Zulassung erfolgte in Galizien mit dem Hauptsitz in Lemberg. 1829 wurde der Orden in der gesamten Habsburgermonarchie zugelassen. Die Österreichisch-Galizische Provinz wurde 1846 geteilt. 1871 wurde sie in Österreichisch-Ungarische Provinz umbenannt, die 1909 geteilt wurde. Nach dem Ende der Monarchie bildeten sich eigene Provinzen in der Tschechoslowakei und Kroatien.

Wegen der erschwerten Kontaktmöglichkeiten nach Deutschland wurde die Schweiz 1937 zur Vizeprovinz erhoben. Seit 1947 bilden die Schweizer Jesuiten eine eigenständige Provinz.

Nach der Wiederbegründung der Kölnischen Provinz bestanden in Deutschland vier Provinzen der Franziskaner. Die ältesten waren die ehemalige Rheinische und die Sächsische Provinz, beide 1239 nach der ersten Provinzteilung entstanden. Die Thüringische Provinz gab es seit dem 16., die Bayerische Provinz seit dem 17. Jahrhundert. Sechs Jahre arbeitete ein Koordinationsrat, in dessen Verlauf die Provinzkapitel die Entscheidungen zu einem gemeinsamen Provinzsitz und der Finanzverwaltung rezipierten. 2010 wurde die Deutsche Franziskanerprovinz mit Sitz in München errichtet. Dieser Prozess ist durch die Dissertation von Thomas Martin Schimmel bestens dokumentiert und organisationssoziologisch reflektiert[9].

Die Pallottiner kamen 1892 ins Deutsche Reich, weil sie die Verantwortung für die katholische Mission in Kamerun übernommen hatten. Ihr Sitz war Limburg. In den 1930er Jahren kam es zur Gründung einer zweiten Provinz mit Sitz in Bruchsal. Seit 2007 sind die beiden deutschen Provinzen sowie die österreichische Regio fusioniert.

Über die Sprachgrenzen hinaus reichten die Fusionen bei den Redemptoristen. 1854 wurden die deutschen Redemptoristen von der Österreichischen Provinz abgetrennt, 1859 in eine Oberdeutsche und eine Niederdeutsche Provinz getrennt. 2005 bildete sich aus der Niederdeutschen (Kölner) Provinz zusammen mit den Redemptoristen aus der Schweiz, Holland und Flandern die Provinz St. Clemens. Im selben Jahr vereinten sich die Redemptoristen der Oberdeutschen mit der Wiener Provinz. Die Provinz „Wien-München“ aus diesen beiden Provinzen existiert seit dem Januar 2015.

Fast alle neu fusionierten Provinzen profitieren von einer günstigen steuerlichen Regelung im Freistaat Bayern, so dass sich dort eine Vielzahl von Provinzsitzen befindet. In Beantwortung einer Anfrage an den Bayrischen Landtag vom 28. Juni 2017 ist „derzeit bei 154 römisch-katholischen Ordensgemeinschaften, Ordensprovinzen, Niederlassungen, Abteien, Klöstern und Instituten davon auszugehen […], dass sie in Bayern den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts besitzen (90 im Bereich der Frauenorden und 64 im Bereich der Männerorden)“[10].

Als letzten Punkt möchte ich die Zusammenarbeit von Orden im apostolischen Bereich erwähnen. Die beiden Ordensobernvereinigungen in Deutschland, die VOD und die VDO, haben sich 2007 zur DOK zusammengeschlossen. In vielen Arbeitsgruppen tauschen sich Ordensfrauen und –männer über ihre Erfahrungen und Probleme in der Ausbildung junger Mitschwestern und Mitbrüder, in den Ordens(hoch)schulen, im Bereich von Pflege und Bildung usw. aus. Die föderativen Vereinigungen der Schweiz sind zusammengeschlossen in der „Konferenz der Vereinigungen der Orden und Säkularinstitute der Schweiz“. In Österreich wurde die Zusammenlegung von SK und VfÖ am 26. November 2018 in Wien beschlossen[11].

Ein weiteres Beispiel für die Zusammenarbeit von Gemeinschaften mit derselben Spiritualität ist die INFAG, die Interfranziskanische Arbeitsgemeinschaft, ein „Zusammenschluss der (Ordens-)Gemeinschaften der franziskanisch-klarianischen Familie im deutschen Sprachraum“[12]. Neben Fortbildungsveranstaltungen hat die INFAG bereits zweimal ein gemeinsames Noviziat mit Novizinnen aus mehreren franziskanischen Gemeinschaften durchgeführt.

Diese Gemeinsamkeit scheint ein viel versprechender Weg für die Zukunft zu sein. Sie zeigt sich in Konventen mit Mitgliedern aus mehreren Gemeinschaften (Münster Centro, Hermeskeil), aber auch in gemeinsamen Projekten im Bereich von Alten- und Krankenpflege.

4. Forschungsperspektiven

In einer ersten Skizze kann vieles nur angerissen oder angedeutet werden. Tatsächlich ist mit der Zusammenlegung von Provinzen noch kein Ende abzusehen. Diese finden ihre Grenzen dort, wo sie Sprachräume überschreiten und einen selbstverständlichen Austausch von Personal erschweren. Die Pluralität religiöser Gemeinschaft wird auch in Zukunft bleiben, wird sich vielleicht sogar noch verstärken. Aber bei kleiner werdenden Zahlen wird die Zukunft der Orden von der Fähigkeit und Bereitschaft zu kooperieren abhängen. Und genau das braucht ein Europa der Zukunft.

Für die Forschung zeigen sich vielfältige Perspektiven. Zu untersuchen wäre etwa, wie die oft jahrelangen Prozesse der Fusionierung von Provinzen auf der Ebene der Leitungen und der Mitglieder initiiert, durchgeführt und im Nachhinein bewertet werden. Die Wirkung institutioneller Veränderungen auf die Mitglieder ist noch nicht untersucht. Wird durch Transformation der geistig-spirituelle Horizont der Mitglieder geweitet – und wann stößt eine solche Erweiterung an ihre mentalen Grenzen? Wie zukunftsträchtig sind die Stellschrauben, die an gewachsene Strukturen angelegt werden? Wir wissen auch noch zu wenig über die Auswirkungen politischer Umbrüche auf religiöse Gemeinschaften. Gibt es ein europäisches Bewusstsein der Orden? Oder hört die Solidarität in den Orden an den nationalen Grenzen auf?

Noch besteht die Möglichkeit, manchen dieser Themen durch „oral history“ näher zu kommen. Vielleicht fühlen sich gerade jüngere Ordensleute angesprochen, ihre eigene Geschichte im Licht der politischen und kirchlichen Veränderungen neu zu entdecken und zu reflektieren.



[1] Vgl. etwa Robert Gerwarth, Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs (Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung 10077, Bonn 2017).

[2] Vgl. Roman BLEISTEIN, Abt Alban Schachleiter OSB. Zwischen Kirchentreue und Hitlerkult, in: Historisches Jahrbuch 115 (1995) 170–187.

[3] Weimarer Reichsverfassung (WRV) Art. 137, online unter https://www.jurion.de/gesetze/wrv/137 [Zugriff: 13.12.2018].

[4] Vgl. Statistische Daten Frauenorden der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK): https://www.orden.de/presseraum/zahlen-fakten/statistik-frauenorden [Zugriff: 13.12.2018].

[6] Vgl. https://www.ordensgemeinschaften.at/images/medienbuero/texte/20180405_Altersstruktur_%C3%96sterreich_fk.pdf [Zugriff: 13.12.2018].

[8] Seit 1850 gab es eine Belgische und eine Niederländische Provinz. Klaus SCHATZ, Geschichte der deutschen Jesuiten (1814–1983). Bd. 1: 1814–1872 (Münster 2013) 123.

[9] Vgl. Thomas M. SCHIMMEL,  Auf dem Weg zur Vereinigung. Die Arbeit des Kooperationsrates der vier deutschen Franziskanerprovinzen in den Jahren 2004 bis 2010 (Franziskanische Forschungen 53, Münster 2014).

[10] Bayerischer Landtag 17/17778, Antwort des Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst vom 28.06.2017: https://www.bayern.landtag.de/www/ElanTextAblage_WP17/Drucksachen/Schriftliche%20Anfragen/17_0017778.pdf [Zugriff: 13.12.2018].

[12] Interfranziskanische Arbeitsgemeinschaft – INFAG: http://infag.de/seiten/doku.php/infag_wir_ueber_uns   [Zugriff: 13.12.2018].

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Medieninhaber:
Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs, Vereinigung der Frauenorden Österreichs
Herausgeber:
Referat für die Kulturgüter der Orden