Mitteilungen des Referats für die
Kulturgüter der Orden - MiRKO

Die Frauenorden in der Diözese Graz-Seckau

Matthias Perstling (Diözesanarchiv Graz-Seckau)

Zu diesem Thema – das sich aufgrund des großen Umfanges schwer in einen 25–30 Minuten-Vortrag unterbringen lässt – ist eine umfassende Abhandlung oder Überblicksdarstellung über die Geschichte der steirischen Frauenorden bis dato ausständig[1]. In der historischen Forschung wurden einzelne Spezialgebiete daraus umfangreicher bearbeitet – so z.B. die Arbeiten über das älteste steirische Kloster Stift Göß[2] –, andere sind in der Literatur hingegen absolut unterrepräsentiert[3]. Diese Lücke kann mit diesem Vortrag nicht geschlossen werden und damit bleibt als einziger Ausweg, gewisse Leitlinien, aber auch Charakteristika der Frauenordenslandschaft in der Diözese Graz-Seckau herauszuarbeiten[4]. Es wird bei einem Versuch bleiben, vor allem bei den zeithistorischen Geschehnissen müssen Abstriche gemacht werden und somit zeichnet nur statistisches Datenmaterial den Weg der Frauenorden ab den 1950er Jahren nach.

Göß[5]

Den Beginn klösterlichen Lebens in der Steiermark macht ein Frauenkloster: Im Jahr 1000 – oder kurz danach – wird Göß ursprünglich als Stift von Kanonissen gegründet und höchstwahrscheinlich von Nonnberg aus besiedelt. Als Stifterin erscheint die in Göß später als Heilige verehrte Gräfin Adala aus der Sippe der edelfreien Aribonen. Auf dem Eigengut dieses bayerischen Pfalzgrafengeschlechts wurde das Stift südlich der Mur im heutigen Leoben errichtet. Vollendet wurde die Gründung durch ihren Sohn Aribo, den späteren Erzbischof von Mainz, der das Kloster an Kaiser Heinrich II. übergab, wodurch Göß zum einzigen Reichskloster in den Ostalpen werden sollte. Kunigunde, Aribos Schwester, stand dem Stift als erste Äbtissin von Göß vor. Wichtigste Aufgabe des Stiftes war die Versorgung und Erziehung der adeligen weiblichen Jugend – diese Funktion erfüllte Göß fast 800 Jahre hindurch.

Die Lebensform der Kanonissen wurde immer mehr von der benediktinischen verdrängt, ohne dass man einen genauen Zeitpunkt des Überganges angeben könnte. Auf dem prachtvollen „Gösser Ornat“ der Äbtissin Kunigunde II., die von 1230–1269 das Stift leitete, ist die Äbtissin noch in der Tracht einer Kanonissin dargestellt. Dieser „Gösser Ornat“, von den Klosterfrauen mit Seide auf Leinen gestickt, ist der vollständigste überlieferte Ornat aus dem Mittelalter und ein berühmtes Zeugnis für den Kunstfleiß der Gösser Nonnen.

Doppelklöster[6]

Für ungefähr hundert Jahre blieb Göß der einzige Frauenkonvent in der Steiermark – nämlich bis zu dem Zeitpunkt, an dem an vier der fünf im 11. und 12. Jahrhundert gegründeten Stifte der Steiermark dem Männerkloster ein Frauenkonvent angegliedert wurde. Diese Doppelklöster waren nicht nur durch die benachbarten Klostergebäude, sondern auch durch eine gemeinsame Leitung aufs engste miteinander verbunden. Der Abt oder Propst des Männerkonvents besaß die volle Jurisdiktion und die väterliche Gewalt über den angeschlossenen Frauenkonvent.

Schon um 1120 gesellte sich zu dem 1074 gegründeten Mönchskonvent in Admont außerhalb des Stiftsgebäudes ein Frauenkloster, das ebenfalls der benediktinischen Regel folgte. Die Admonter Benediktinerinnen, die sich aus Töchtern adeliger Familien zusammensetzten, erwarben sich schon bald einen beachtlichen Ruf, besonders was ihre Arbeit in der Schreibschule betraf.

Das Chorfrauenstift zu Seckau wird urkundlich bereits um 1150 genannt – also nur zehn Jahre nach der Gründung des Chorherrenstiftes. Für die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts sind uns aus dem Seckauer Verbrüderungsbuch ca. 50 Chorfrauen und Konversen überliefert. Im 13. Jahrhundert stieg die Zahl der Konventualinnen weiter an – dies wissen wir aus den Nekrologien – und so setzte Bischof Heinrich I. von Seckau im Jahr 1242 die zulässige Zahl der Chorfrauen mit 50 fest, die ca. 100 Jahre später aufgrund von Platzmangel auf 40 gesenkt werden musste. Den Fokus des Frauenstiftes bildete die kulturelle Tätigkeit der Chorfrauen. Die hervorragendsten Leistungen brachten sie auf dem Gebiet der Schreib- und Malkunst hervor – zu bewundern sind einige ihrer Handschriften in der Universitätsbibliothek Graz. Der Niedergang des Chorfrauenstiftes begann im 15. Jahrhundert – durch Pest, Hungersnot und Osmanengefahr bekamen die Chorfrauen keinen Nachwuchs mehr aus dem geschwächten und teilweise verarmten heimischen Adel und Bürgertum. Im Jahr 1480 lebten nur mehr zwei Chorfrauen in Seckau, die im Jahr 1488 starben.

Auch in Vorau bildete sich wohl bald nach der 1163 erfolgten Gründung des Stiftes ein kleiner Frauenkonvent. Einige Namen der Chorfrauen sind uns in den Nekrologien überliefert, doch scheint er stets klein und unbedeutend gewesen zu sein. Bereits im 14. Jahrhundert dürfte sich der Konvent aufgelöst haben.

Noch weniger wissen wir über das Frauenkloster in St. Lambrecht. Lediglich in einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert (Ms 1090 der UB Graz) findet sich ein Verzeichnis von 23 verstorbenen und 21 lebenden Schwestern. Diese Quelle ist der derzeit einzige Beweis, dass in St. Lambrecht im 15. Jahrhundert ein Nonnenkloster bestanden hat[7].

Für das Zisterzienserstift Rein ist kein Doppelkloster bekannt, doch gab es auf dem Gebiet der Steiermark einen Konvent, der – zumindest nach der Verlegung nach Friesach – den Zisterzienserinnen angehörte: Friedrich Hausmann, ehemaliger Ordinarius für mittelalterliche Geschichte der Universität Graz, wies in seinen Studien nach, dass der ursprüngliche Sitz des Frauenkonventes einige Jahre lang in Greith bei Neumarkt lag, bevor die Nonnen nach Friesach abwanderten und im Jahr 1251 in den Zisterzienserinnenorden einverleibt wurden.   

Bettelorden[8]

Zu etwa derselben Zeit traten in der Steiermark die ersten Vertreter der Bettelorden in Erscheinung: Wie auch bei den Niederlassungen der alten Orden entstand noch vor einem franziskanischen Männer- ein solches Frauenkloster. Schon vor den Minoriten sollen in Judenburg im Jahr 1222 Nonnen gewesen sein, die ohne bestimmte Ordensregel lebten. Judenburger Bürger brachten Geld auf und gründeten knapp außerhalb der Stadtmauer, nördlich von Judenburg, das Kloster zur hl. Maria im Paradeis. Es war das älteste Klarissenkloster im heutigen Österreich und wurde 1253 von Papst Innozenz IV. bestätigt. Die erste Äbtissin, Benedicta, soll noch eine Mitschwester der hl. Klara gewesen sein. Das Klarissenkloster in Judenburg hatte keine unbedeutende Stellung unter den Stiften des Landes, und so traten Töchter aus den einflussreichsten Familien des Landes dort ein.

Bis in das 14. Jahrhundert lagen die Standorte aller steirischen Frauenklöstern nur in der Obersteiermark – in Graz und Umgebung fehlte es an Konventen für Frauen. Dies änderte sich im Jahr 1307, als der steirische Landeshauptmann Ulrich von Walsee ein Dominikanerin­nenkloster auf dem Grillbühel bei Graz – etwas außerhalb der Stadt, südöstlich der Mauer[9] – stiftete. Wie andere Dominikanerinnen- und auch Klarissenklöster glich dieses eher einem Nonnenstift als einem Konvent von Bettelmönchen, da die Nonnen deren Aufgaben natürlich nicht erfüllen konnten. Damit war auch die Aufgabe des Klosters als Ausbildungs- und Versorgungsstätte der adeligen weiblichen Jugend und überhaupt der adelige Charakter des Hauses eng verbunden. Im Jahr 1480 verloren die Dominikanerinnen ihr Kloster am Grillbühel, da aufgrund der Osmanengefahr alle Gebäude vor der Stadtmauer geschliffen wurden. Nach etlichen Jahren ohne eine geeignete Stätte innerhalb der Stadtmauer erhielten sie 1517 das Tummelplatz-Kloster, das zuvor von den Franziskanern errichtet worden war.

Reformationszeit[10]

Am Beginn der Reformationszeit bestanden auf dem Gebiet der Steiermark somit vier Frauenkonvente: Das adelige Damenstift in Göß, die Benediktinerinnen in Admont, die Klarissen in Judenburg und die Dominikanerinnen in Graz. Das 16. Jahrhundert mit dem starken Eindringen des Protestantismus auch in die steirischen Klöster stellte einen Einschnitt dar, der für die Frauenkonvente unterschiedliche Auswirkungen hatte. Der Niedergang des klösterlichen Lebens machte auch vor den Frauenorden nicht halt – quantitativ, aber auch qualitativ lässt sich dies für die Männerkonvente an folgenden Zahlen von den kaiserlichen Visitationskommissären eindrucksvoll belegen: Im Jahr 1575 lebten in den zehn bedeutendsten und ältesten Männerklöstern der Steiermark bloß 60 Ordensleute – aber mit ihnen 31 Konkubinen, zehn „uxores“ und 57 Kinder[11].

Besonders stark traf es das Nonnenkloster Admont, bei dem die Reformation das Ende brachte. Die Visitation von 1528 berichtet, dass die elf Nonnen zur Annahme der neuen Lehre verleitet worden waren und es in Folge dessen zu einem sukzessiven Abgang kam – 1562 bestand der Konvent nur mehr aus zwei Nonnen und wurde schließlich aufgegeben.

Göß hingegen war von der Reformation am wenigsten berührt. Laut Visitationsprotokoll von 1528 waren die 28 Klosterfrauen der Lehre Luthers völlig abgeneigt und so heißt es darin: „Ist […] befunden, das sy ains sondern geystlichen, khlösterlichen wesens und lebens send, den lutrischen secten und denselben anhenger secten gantz entgegen“[12].     
Dies hielt aber den bereits protestantisch gewordenen Adel nicht davon ab, die adeligen Töchter weiterhin dort erziehen zu lassen. Über die Jahrzehnte machte sich das Fehlen von katholischen adeligen Familien in der Steiermark allerdings bemerkbar. So belief sich die Zahl der Klosterfrauen im Jahr 1542 noch auf 26, jedoch gegen Ende der 1560er-Jahre nur noch auf 14 Klosterfrauen, während im Klosterpensionat mehr als 20 adelige, zumeist protestantische Fräuleins lebten. Durch die Aufnahme von bayerischen und italienischen Klosterfrauen wurde der Konvent in den Siebziger- und Achtzigerjahren gestärkt, wodurch sich aber auch die Ausrichtung des Stiftes änderte und mit der Einführung der strengen Klausur im Jahr 1595 ein deutliches Zeichen gesetzt wurde[13].

Neugründungen der Gegenreformation

Im 17. Jahrhundert erfolgte die Gründung von vier weiteren Frauenklöstern in Graz, wobei die erste im Zusammenhang mit der Gegenreformation gesehen werden muss: Die steirischen Landstände schenkten 1602 der Witwe Karls II., Erzherzogin Maria, den Komplex der ehemaligen protestantischen Stiftsschule, in dem die Erzherzogin 1603 ein Klarissenkloster „im Paradeis“ gründete und es mit bayerischen Nonnen besiedelte[14]. Danach dauerte es fast 40 Jahre, bis wieder eine weitere Gründung eines Frauenklosters stattfand: 1642 wurden die Karmelitinnen von der verwitweten Kaiserin Eleonore von Wien nach Graz gebracht und bezogen 1654 ihr neuerbautes Kloster in der Neutorgasse[15].

Vier Jahrzehnte später, 1686, kamen die Ursulinen nach Graz. Der Frauenorden, der sich der Mädchenerziehung annahm, bezog ein Heim in der Sackstraße, wo er über zwei Jahrhunderte bleiben sollte[16]. Zum Krankendienst für weibliche Personen kamen 1690 die Elisabethinen nach Graz. Maria Theresia von Wagensberg, die Witwe des kaiserlichen Generals Jakob Graf Leslie, lernte diesen Orden im französischen Krieg kennen und ließ drei Elisabethinen nach Graz kommen, die in der heutigen Elisabethinergasse nach anfänglichen Schwierigkeiten das Kloster errichteten[17].

Josephinismus[18]

Die wohl gravierendste Zäsur in der Geschichte der steirischen Frauenklöster stellt der Josephinismus mit dem „josephinischen Klostersturm“ dar. Jene beschaulichen Ordensinstitutionen, die keine praktische Wirksamkeit nach außen übten, die weder Unterricht noch Krankenpflege besorgten, sondern nur dem beschaulichen Leben huldigten, wurden nach dem herrschendem Utilitaritätsprinzip als für die Menschheit und das Gemeinwohl unnütz zuerst aufgehoben. Dies traf zuallererst die Eremitenkongregationen, unter denen sich 1781 vier Einsiedlerinnen in Graz und 1782 eine in Leoben-Waasen befanden. Für die Zeit davor konnte Dr. Norbert Allmer, Referent im Diözesanarchiv Graz-Seckau, in seiner Dissertation insgesamt 15 Frauen als Einsiedlerinnen in der Steiermark nachweisen[19].          
Bereits bei der ersten Aufhebungswelle 1782 waren unter den fünf steirischen Klöstern, die aufgehoben wurden, neben dem Chorherrenstift Seckau folgende Frauenkonvente: Die Karmelitinnen in Graz mit 15 Chorfrauen und drei Laienschwestern[20], die Klarissen in Graz im Paradeis mit 37[21], die Klarissen in Judenburg mit 33 Nonnen[22] und schließlich das Damenstift Göß, das 30 Chorfrauen, drei Novizinnen und zehn Aspirantinnen zählte[23]. 1785 folgte auch noch die Aufhebung der Grazer Dominikanerinnen und so verblieben als einzige steirische Frauenorden die beiden jüngsten Konvente der Ursulinen und Elisabethinen in Graz.

Zur Dotierung des Religionsfonds wurde das Vermögen der Klöster eingezogen, bei den liturgischen Geräten oftmals die Edelsteine herausgeschlagen, um sie besser verwerten zu können, und die kostbaren Handschriften nach Wien oder Graz gebracht. Etliche Bücher der Gösser Bibliothek aus dem 15. bis 18. Jahrhundert verblieben jedoch in Leoben und gingen in das Eigentum der Pfarre Leoben-Göß über. Sie lagern derzeit im Depot der Diözesanbibliothek, die diese in Treuhandverwahrung übernommen hat. Das umfangreiche Archiv von Göß ging hingegen an das Steiermärkische Landesarchiv, wo es einen nicht unbedeutenden Bestand bildet. Über Umwege gelangte auch das Diplom Kaiser Heinrichs II. von 1020, an dem die älteste erhaltene kaiserliche Goldbulle angebracht ist, von Göß in den Besitz des steiermärkischen Landesarchivs.

Klostergründungen im 19. Jahrhundert[24]

Die Jahrzehnte nach dem josephinischen Klostersturm brachten auch für die verbliebenen beiden Frauenorden eine schwere Zeit mit sich. Die Zahl der Ordensfrauen in der Steiermark sank um 1800 auf ein Allzeittief von nur etwa 60 Schwestern[25], die in Graz konzentriert waren. Ein Aufschwung konnte erst wieder in der Amtszeit von Diözesanbischof Roman Sebastian Zängerle (1824–1848) registriert werden, als eine Erneuerungsbewegung im kirchlichen Leben einsetzte. Zängerle ebnete den Jesuiten den Weg für ihre Rückkehr nach Graz und förderte die Gründung neuer kontemplativer Klöster: 1829 das Kloster der Karmelitinnen in der Grabenstraße und wenige Jahre später das der Karmeliten in deren Nachbarschaft[26]. Bischof Zängerle legte vor allem aber großen Wert auf die auf apostolische Arbeit ausgerichteten Ordensgemeinschaften wie die Barmherzigen Schwestern, die Schulschwestern oder die Frauen vom heiligsten Herzen Jesu.

Barmherzige Schwestern[27]

Als treibende Kraft hinter der Gründung der „Gemeinschaft der Töchter der christlichen Liebe vom hl. Vinzenz von Paul“ muss Maria Josefa Gräfin Brandis angesehen werden. Sie ging 1837 als 22-jährige mit fünf weiteren Frauen als Novizin in das Kloster der Barmherzigen Schwestern nach München, um sich für den Krankendienst ausbilden zu lassen. 1841 kehrte eine Gruppe Barmherziger Schwestern nach Graz zurück und bekam die Krankenpflege im Allgemeinen Zivilkrankenhaus übertragen. Zwei Jahre später, 1843, wurde Leopoldine Brandis – wie nun ihr Schwesternname war – zur ständigen Oberin ernannt. Die Grazer Niederlassung schloss sich 1850 an die weltweite Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern mit Sitz in Paris an und wurde 1852 kanonisch approbiert. Im selben Jahr wurde auch das Mutterhaus in das Grazer Lendviertel verlegt, wo die Straße in Mariengasse unbenannt wurde. Innerhalb weniger Jahrzehnte erlebte die Schwesterngemeinschaft eine bewundernswerte Entwicklung – eine Vielzahl sozialer Einrichtungen auch außerhalb von Graz wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet oder deren Betreuung übernommen: So versahen um 1916 in 45 Niederlassungen in der Steiermark 858 Schwestern[28] ihren Dienst, sei es in der Krankenpflege, in Kinderasylen, Waisenhäusern oder Mädchen- und Knabenschulen. Für die ländliche Bevölkerung war dies ein Segen und etwas vollkommen Fremdes – erstmals in der Geschichte kamen sie direkt mit Ordensfrauen in Berührung, da diese nicht in strenger Klausur lebten und ihre apostolische Arbeit als Dienst an der Bevölkerung leisteten.

Grazer Schulschwestern[29]

Die Gründung der Grazer Schulschwestern ging von der Initiative von Lehrerinnen einer privaten Mädchenerziehungsanstalt in Graz aus. Antonia Lampl legte gemeinsam mit vier Gehilfinnen im Jahr 1841 Bischof Zängerle ein Gesuch vor, um bei ihrer Schule eine religiöse Gemeinschaft gründen zu dürfen. Durch die Unterstützung des Bischofs und mit Zustimmung Kaiser Ferdinands erteilte die vatikanische Ordenskongregation am 15. Juli 1843 die Bewilligung zur Gründung der „Schulschwestern vom Dritten Orden des heiligen Franziskus zu Graz“. Das Haus in der Grazer Neutorgasse wurde für die 240 Schülerinnen und 60 Mädchen im Internat bald zu klein und so wurde in Graz-Eggenberg ein Grundstück erworben, auf dem das Mutterhaus des Ordens errichtet wurde. Auch die Schulschwestern gründeten in zahlreichen steirischen Orten Filialinstitute mit angeschlossenen Schulen, wodurch sie mithalfen, den Bildungsstand in den ländlichen Regionen der Steiermark zu heben. 1916 waren dies neben dem Mutterhaus 18 Filialen, in denen 283 Schulschwestern[30] wirkten. 1923 erfolgte eine Aufteilung in eine österreichische und eine slowenische Provinz und von Slowenien aus gingen Schulschwestern nach China, Australien, Brasilien und Afrika. Die Grazer Schulschwestern, die 1929 als Kongregation päpstlichen Rechtes anerkannt wurden, sind die einzige Ordensgemeinschaft, die in Graz gegründet worden ist und sich über die ganze Welt ausgebreitet hat.

Sacré Coeur[31]

Auch bei der Ansiedelung der „Gesellschaft der Ordensfrauen vom Heiligsten Herzen Jesu“ half Bischof Zängerle mit, der die Initiatorin für die Niederlassung des Ordens, die Grazerin Franziska Möstl, dabei unterstützte. Im Jahr 1846 kamen vier Schwestern von Lemberg nach Graz und bezogen das Areal in der Petersgasse, in dem unterschiedliche Schultypen für Mädchen „aus den besseren Ständen“ eingerichtet wurden. Die Schwesterngemeinschaft von Sacré Coeur gründete keine Filialen und blieb nur an diesem Standort, was den Zulauf jedoch nicht störte, und so waren zum Höhepunkt im Jahr 1916 79 Schwestern[32] – 46 Chorfrauen und 33 Hilfsschwestern – im Ordenshaus untergebracht.

Gute Hirtinnen[33]

1858 kamen auf Einladung eines Katholischen Frauenvereins Schwestern von der Kongregation der Guten Hirtinnen aus Frankreich nach Graz und betrieben am Kalvarienberggürtel ein „Rettungshaus für gefährdete und gefallene Mädchen“.

Kreuzschwestern[34]

Ähnlich erfolgreich wie die Geschichte der Barmherzigen Schwestern und der Schulschwestern verlief in der Steiermark auch die der Kreuzschwestern. Die Kongregation der „Barmherzigen Schwestern vom hl. Kreuz“ widmet sich vor allem der Krankenpflege und anderer Sozialdienste und verzeichnete nach der Gründung einen rasanten Zuwachs. War die erste Niederlassung 1870 noch in Rein und danach in Bruck, verlegten sie 1891 auf Veranlassung Bischof Zwergers das Mutterhaus der steirischen Ordensprovinz nach Graz in die Kreuzgasse. Doch es blieb nicht bei diesen wenigen Niederlassungen, sondern bis zum Jahr 1916 erhöhte sich die Zahl der von den Kreuzschwestern betreuten Filialinstitute auf 38, in denen 442 Ordensfrauen[35] tätig waren.

Vorauer Schwestern[36]

Während die meisten Ordensniederlassungen dieser Zeit in Graz erfolgten, blieb jene in Vorau wohl eher eine Ausnahme: 1865 gründete hier die Bauerntochter Barbara Sicharter die Schwesterngemeinschaft der „Blauen Schwestern“, die in ihrem Heim Kranke pflegten, Hauskrankenpflege leisteten und sich der hilflosen Armen annahmen. Die Vorauer Schwestern wurden erst 1897 ein staatlich anerkannter Verein und seit 1928 eine religiöse Kongregation bischöflichen Rechtes. Neben ihrem Stammsitz in Vorau gründeten sie auch noch fünf weitere Niederlassungen, vor allem in der Oststeiermark.

Entwicklung im 20. Jahrhundert

Der Ausbruch des ersten Weltkrieges brachte eine kurze Abflachung der Zuwächse, doch in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts erreichten die Mitgliederzahlen an Ordensfrauen ihren Höchststand. Es wurden auch weiterhin Kongregationen in der Steiermark angesiedelt, doch bis auf eine Ausnahme waren dies stets kleinere Gemeinschaften. Diese Ausnahme war die Benediktinerinnenabtei von St. Gabriel zu Bertholdstein, die im Jahr 1889 in Prag gegründet wurde und 1919 auf die ehemalige Burg Bertholdstein bei Fehring übersiedelte[37]. Die in strenger Klausur lebenden Benediktinerinnen hatten zu ihrer Blütezeit in den 1930er-Jahren 65 Chorfrauen, 42 Laien und 5 Windenschwestern[38].

Einen weiteren tiefgreifenden Einschnitt hinterließ die Epoche des NS-Regimes – an der Statistik wird deutlich ersichtlich, wie sehr die Zahlen der Ordensfrauen zurückgingen. Nach dem 2. Weltkrieg beruhigte sich die Situation wieder, doch die Zahlen der 30er-Jahre wurden nicht mehr erreicht.

Statistische Daten

In der Folge sollen einige statistische Daten gebracht und auch zahlenmäßige Vergleiche mit den Männerorden in der Diözese Graz-Seckau angestellt werden. Die Ordensgeistlichkeit wird leider erst ab 1856 in den Schematismen erfasst, und so entstand der Entschluss, ab diesem Zeitpunkt alle zehn Jahre als Referenzwerte anzuführen[39].

 

 

1856

1866

1876

1886

1896

1906

1916

1926

1936

1946

1956

1966

1975

1986

1998

2006

2016

Männer – Anzahl Orden/Kongregationen

11

14

12

13

13

16

16

17

22

19

19

19

17

18

16

17

16

Frauen – Anzahl Orden/Kongregationen

6

7

9

10

10

13

13

14

20

16

21

23

21

22

22

19

16

Männerorden – Anzahl Niederlassungen

27

23

24

26

28

31

32

31

37

35

39

39

39

38

31

31

28

Frauenorden – Anzahl Niederlassungen

12

14

23

57

71

97

113

109

126

92

101

108

102

98

75

57

36

Anzahl der Orden in der Steiermark

 

Anzahl der Ordensleute in der Steiermark

 

1856

1866

1876

1886

1896

1906

1916

1926

1936

1946

1956

1966

1975

1986

1998

2006

2016

Männerorden – Personen

525

539

545

700

778

825

774

696

1313

393

476

452

343

305

223

212

181

Frauenorden – Personen

243

324

422

679

1026

1360

1918

2130

2465

1799

1989

1839

1487

1056

753

586

426

 

 

Anzahl der Ordensfrauen in der Steiermark

 

Anzahl der Ordensfrauen – nach Orden/Kongregationen

 

 

 

 

 

 

Filialinstitute ausgewählter Orden

Barmherzige Schwestern, Schulschwestern, Kreuzschwestern, Vorauer Schwestern

 

 

Abschließend ist festzuhalten, dass die Frauenorden in der Diözese Graz-Seckau in den letzten beiden Jahrhunderten einen immensen Wandel durchlebt haben – quantitativ wie auch qualitativ. War das Bild einer Ordensschwester bis zum Josephinismus ausschließlich das einer in Klausur lebenden Nonne, so entstand in der darauffolgenden Zeit ein völlig neuer Typus an Ordensschwestern, die Wert auf apostolische Arbeit im sozialen Bereich legten und so Dienst am Mitmenschen leisteten. Die Arbeitsleistung, die im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Besonderen von den Frauenorden geleistet wurde, ermöglichte erst eine Ausgestaltung des ländlichen Schulwesens und der Krankheitsversorgung. Viele Sozialleistungen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Hand des Staates gelegt wurden und für die wir nun alle finanziell aufkommen müssen, wurden zuvor von den Orden unentgeltlich geleistet.

 



[1] Dieser Vortrag wurde am 4. April 2016 bei der Jahrestagung der Ordensarchive Österreichs in Graz gehalten.
In den Darstellungen zur Diözesangeschichte (z.B. Kirchengeschichte der Steiermark, hg. von Karl Amon–Maximilian Liebmann (Graz–Wien–Köln 1993) kommen die Frauenorden nur sehr unterrepräsentiert vor. Der Band 5 der Reihe „Christentum und Kirche in der Steiermark“ (Michaela Kronthaler, Prägende Frauen der steirischen Kirchengeschichte. Christentum und Kirche in der Steiermark 5, Graz 2000) ist wie die gesamte Reihe zu knapp gehalten, um neue Erkenntnisse zu diesem Thema zu bieten.

[2] Eine vollständige Bibliographie zur Geschichte von Göß findet sich bei: Rudolf Höfer, Göss, in: Benediktinische Mönchs- und Nonnenklöster in Österreich und Südtirol (Germania Benedictina III/1, St. Ottilien 2000) 715–767.

[3] Eine positive Ausnahme stellt auch die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte von drei steirischen Frauenorden (Grazer Karmelitinnen, Benediktinerinnen von St. Gabriel und Vorauer Marienschwestern) dar: Peter Wiesflecker, „… man erwartet von Euch keine Heiligen …“. Struktur und Transformation geistlicher Frauengemeinschaften im 19. und 20. Jahrhundert am Beispiel der Grazer Karmelitinnen, der Benediktinerinnen von St. Gabriel und der Vorauer Marienschwestern (Grazer Universitätsverlag. Allgemeine wissenschaftliche Reihe 39 = Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark 72, Graz 2015).

[4] Der Autor versucht diese grobe Skizzierung anhand der „Standardliteratur“ zur steirischen Kirchengeschichte herauszuarbeiten: Ernst Tomek, Geschichte der Diözese Seckau (Graz–Wien 1917); Die Bischöfe von Graz-Seckau. 1218–1968, hg. von Karl Amon (Graz–Wien–Köln 1969); AmonLiebmann, Kirchengeschichte (wie Anm. 1). Bei den jeweiligen Kapiteln ist die Hauptliteraturquelle am Beginn angegeben.

[5] Vgl. AmonLiebmann, Kirchengeschichte (wie Anm. 1) 47f.

[6] Vgl. ebd. 61f.

[7] Vgl. Hans Zotter, Handschriftenkatalog der UB Graz. Ms 1090, http://sosa2.uni-graz.at/sosa/katalog/index.php (letzter Zugriff: 18.10.2016).

[8] Vgl. AmonLiebmann, Kirchengeschichte (wie Anm. 1) 113f.

[9] Vgl. Rudolf Höfer, Christentum und Kirche von den Anfängen bis zur Gegenreformation, in: Geschichte der Stadt Graz 3: Kirche – Bildung – Kultur, hg. von Walter Brunner (Graz 2003) 43.

[10] Vgl. AmonLiebmann, Kirchengeschichte (wie Anm. 1) 167f.

[11] Vgl. ebd. 167.

[12] Diözesanarchiv Graz-Seckau, Gebundene Quellen, XIX-D-23, Landesfürstliches Visitationsprotokoll von 1528, fol. 163v.

[13] Vgl. AmonLiebmann, Kirchengeschichte (wie Anm. 1) 169.

[14] Vgl. Alois Ruhri, Christentum und Kirche von der Gegenreformation bis zur Gegenwart, in: Brunner, Geschichte (wie Anm. 9) 150f.

[15] Vgl. ebd. 157f.

[16] Vgl. ebd. 162f.

[17] Vgl. ebd. 163f.

[18] Vgl. AmonLiebmann, Kirchengeschichte (wie Anm. 1) 221–224.

[19] Norbert Allmer, Einsiedler und Einsiedlerinnen in der Steiermark. Eine historische Untersuchung des Einsiedlerwesens von 1600 bis zum Ende der Eremiten-Kongregation 1782 (theol. Diss. Univ. Graz 2001) 407f.

[20] Vgl. Ruhri, Christentum (wie Anm. 14) 158.

[21] Vgl. ebd. 152 und AmonLiebmann, Kirchengeschichte (wie Anm. 1) 222.

[22] Vgl. AmonLiebmann, Kirchengeschichte (wie Anm. 1) 222.

[23] Vgl. ebd. 222.

[24] Vgl. ebd. 249–255.

[25] Die Ursulinen zählten im Jahr 1807 38 und die Elisabethinen 23 Nonnen. Vgl. Diözesanarchiv Graz-Seckau, Klöster und Stifte, Ursulinen, Personalstandsverzeichnis 1807 bzw. ebd., Elisabethinen, Personalstandsverzeichnis 1807.

[26] Vgl. Ruhri, Christentum (wie Anm. 14) 207–209.

[27] Vgl. ebd. 210–213.

[28] Das statistische Zahlenmaterial stammt aus den Schematismen der Diözese (Graz-)Seckau, vgl. hier: Personalstand der Säkular- und Regular-Geistlichkeit der Diözese Seckau in Steiermark im Jahre 1916 (Graz 1915) 376–421.

[29] Vgl. Ruhri, Christentum (wie Anm. 14) 213–215.

[30] Vgl. Personalstand 1916 (wie Anm. 28) 334–350.

[31] Vgl. Ruhri, Christentum (wie Anm. 14) 217.

[32] Vgl. Personalstand 1916 (wie Anm. 28) 325–329.

[33] Vgl. Ruhri, Christentum (wie Anm. 14) 217f.

[34] Vgl. ebd. 216f.

[35] Vgl. Personalstand 1916 (wie Anm. 28) 350–376.

[36] Vgl. Wiesflecker, Struktur (wie Anm. 3) 188–227; AmonLiebmann, Kirchengeschichte (wie Anm. 1) 254f.

[37] Vgl. Wiesflecker, Struktur (wie Anm. 3) 114–137.

[38] Vgl. Personalstand der Säkular- und Regular-Geistlichkeit der Diözese Seckau in Steiermark im Jahre 1936 (Graz 1936) 480.

[39] Verwendet wurden die Schematismen der Diözese Graz-Seckau für die Jahre 1856, 1866, 1876, 1886, 1896, 1906, 1916, 1926, 1936, 1946, 1956, 1966, 1976, 1986, 1996, 2006 und 2016. Diese erschienen in Graz bis 1966 unter dem Titel „ Personalstand der Säkular- und Regular-Geistlichkeit der Diözese (Graz-)Seckau in Steiermark“, von 1976 bis 1996 unter dem Titel „Schematismus und Personalstand der Diözese Graz-Seckau“, hg. vom Ordinariat Graz-Seckau, und seit 2006 unter dem Titel „Schematismus der Diözese Graz-Seckau“, hg. vom bischöflichen Ordinariat Graz-Seckau.

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Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs, Vereinigung der Frauenorden Österreichs
Herausgeber:
Referat für die Kulturgüter der Orden