Mitteilungen des Referats für die
Kulturgüter der Orden - MiRKO

Zur Provenienz der Mehrerauer Inkunabeln[1]

Kassian Lauterer OCist. (Abtei Wettingen-Mehrerau)

Nicht nur bei Menschen und Kunstwerken, sondern auch bei alten Büchern ist ihre Herkunft interessant und aufschlussreich. Bei der Erfassung eines Buches interessieren zunächst Inhalt und Verfasser sowie Ort und Jahr des Druckes. Aber auch die Odyssee, die ein Buch von vormaligen Besitzern bis zum heutigen Standort zurückgelegt hat, gehört zu seiner Geschichte. In Vorarlberg dürfte allgemein bekannt sein, dass die Bücher der Bibliothek des um 1097 gegründeten Benediktinerklosters Mehrerau bei dessen Aufhebung durch die bayerische Zwischenregierung 1806 ziemlich barbarisch in alle Winde zerstreut, gestohlen oder verbrannt wurden[2]. Bei den Klosteraufhebungen in der Schweiz, wo der Konvent von Wettingen-Mehrerau ursprünglich beheimatet war, ging man insofern mit den Archiven und Bibliotheken sorgsamer um, als diese zwar auch verstaatlicht, aber wenigstens beisammengehalten wurden. Die weltberühmte Bibliothek der Fürstabtei St. Gallen verblieb sogar bis heute an Ort und Stelle im Besitz des katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen. Unter diesen Voraussetzungen fragt man sich, wie die heutige Klosterbibliothek Mehrerau zu einem solchen Schatz von Inkunabeln und Frühdrucken gekommen ist. Als Vorbereitung für die Erarbeitung eines Gesamtkatalogs der Vorarlberger Wiegendrucke sichteten Norbert Schnetzer und Erik Weltsch in den Jahren 1999 bis 2001 die unter der Signatur W befindlichen Druckwerke. Das vorläufige Ergebnis dieser Bestandsaufnahme war, dass diese Abteilung der Klosterbibliothek Mehrerau 225 Wiegendrucke (bis 31.12.1500) und 232 Frühdrucke (bis 31.12.1525) aufweist[3].  

Wettinger Inkunabeln

Die 1841 aus ihrem Aargauer Kloster Wettingen ausgewiesenen Zisterzienser konnten 1854 in Mehrerau ihr klösterliches Leben wieder fortsetzen. Eine Büchersammlung mussten sie aber erst mühsam und langsam wieder aufbauen. Bibliothek und Archiv von Wettingen wurden bei der Aufhebung sofort versiegelt und die Bestände später in die Kantonshauptstadt Aarau abtransportiert. Nur die Bücher, die jeder Mönch zum täglichen Gebrauch in seiner Zelle hatte, durften mitgenommen werden. In diesem Grundstock der Mehrerauer Bibliothek befanden sich aber doch einige Inkunabeln und einige wenige Handschriften. Die Benediktiner der Abtei Muri, die gleichzeitig aufgehoben wurde und dessen Mönche später in Gries bei Bozen einen Zufluchtsort fanden, waren vorausschauender als die naiven Zisterzienser, und hatten schon vor der Aufhebung die wertvollsten Handschriften und Drucke in Sicherheit gebracht. Unter den von Wettingen nach Mehrerau mitgebrachten Büchern hat Inge Dahm immerhin 39 Wiegendrucke nachgewiesen[4].    

Bücher der alten Benediktiner-Mehrerau

Aber auch aus der alten Benediktiner-Mehrerau sind einige Bücher, darunter Inkunabeln und Handschriften, später wieder zurückgekehrt. Man kennt sie leicht an dem auf dem Titelblatt mit Tinte eingeschriebenen Vermerk „Monasterii Brigantini“ oder später „Augiae maioris“. Einen Bibliotheksstempel oder Ex Libris-Drucke gab es offenbar nicht. Aus dem Nachlass der letzten Mehrerauer Benediktiner P. Joseph Gegenbauer und P. Meinrad Merkle, die nach einander von 1806 bis 1845 Rektoren des Feldkircher Gymnasiums waren, konnten wertvolle Bücher und Schriften erworben werden. Gegenbauer war von 1812 bis zu seinem Tod 1842 Pfarrer von Wasserburg a. Bodensee[5]. Sein damaliger Kaplan Michael Hornstein trat 1855 als Novize bei den Zisterziensern in Mehrerau ein[6], wo er als Pater Stephan eine Art Bindeglied zur alten Mehrerau wurde und mehrere Bilder, Skulpturen und Bücher aus deren Besitz vermitteln konnte. Beim Abriss oder Umbau alter Bregenzer und Vorklöstner Häuser fanden sich immer wieder Mehrerauer Bücher, die als Isoliermaterial in den Zwischenböden eingelegt worden waren. Die Bregenzer Kapuziner und auch die Mehrerauer Patres, die bei Krankenbesuchen solche Schätze entdeckten oder auch Kinder damit spielen sahen[7], animierten die Hausbesitzer, sie dem Kloster Mehrerau zum Kauf anzubieten.

Ein Stock von etwa 30 alten Mehrerauer Inkunabeln soll nach dem Zweiten Weltkrieg von einem amerikanischen Offizier in einer Südtiroler Burg gefunden worden sein. Er übergab sie dem Brixener Diözesanmuseum, wo sie heute aufbewahrt werden. Bemühungen von P. Kolumban Spahr, diese Bücher zurück zu erwerben, waren erfolglos. Ein einziges Buch, das von Brixen nach Mehrerau zurückkam, weist auf dem Vorsatzblatt den handschriftlichen Eintrag des damaligen Fürstbischofs Simon Aichner[8] auf: „Res clamat ad dominum“. Dieser altrömische Rechtsgrundsatz „die Sache schreit nach ihrem Herrn“ scheint auch im innerkirchlichen Bereich nicht immer beachtet zu werden.

Legate von Johann Baptist Hagg

Den größten Zuwachs an Inkunabeln und Frühdrucken verdankt die heutige Mehrerauer Klosterbibliothek mehreren Legaten des großen Büchersammlers und –liebhabers Johann Baptist Hagg, geboren in Feldkirch am 19. Februar 1826, zum Priester geweiht am 28. Juni 1850, Generalvikariatsrat in Feldkirch seit 1872, Landesschulinspektor von Vorarlberg[9]. Dieser hatte aus der Bibliothek des 1383 gegründeten und 1785 unter Kaiser Joseph II. aufgehobenen Minoritenklosters Viktorsberg eine beträchtliche Anzahl von Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucken erworben, die er großenteils der Mehrerauer Bibliothek vermachte. Mehrere prachtvolle Ausgaben der lateinischen Klassiker hatten die Minoriten ihrerseits aus dem Besitz der Feldkircher Familie Schmid von Altmannshausen geschenkt bekommen, was durch eingeklebte Widmungsschildchen belegt ist. Die Brüder Diepold und Michael Schmid sind ab 1509 in der Universitätsmatrikel Freiburg im Breisgau belegt. Nach Humanistenmanier latinisierten sie ihren Namen in „Fabricius“. Diepold Fabricius, dessen groß und schwungvoll geschriebener Name sich auf den Titelblättern mehrerer Mehrerauer Bücher findet, wurde Domherr in Chur. Michael Schmid wurde in Freiburg Doktor beider Rechte und war seit 1521 Pfarrer von St. Nikolaus in Feldkirch. Diese Jahre waren gezeichnet durch die Agitation der Reformatoren zur Einführung des neuen Glaubens in Feldkirch[10]. Nach Aufgabe der Pfarre zog er 1533 nach Chur, wo er 1535 als Domkantor starb. Das Grabepitaph der beiden Brüder befand sich früher in der Feldkircher Pfarrkirche, dem heutigen Dom[11].

Ein weiterer größerer Posten von Inkunabeln und Frühdrucken mehr theologischen und liturgischen Inhalts stammt aus dem ehemaligen Prämonstratenserkloster Churwalden im Engadin, gegründet 1164, das seit der Reformation keine Äbte mehr hatte und von einem Administrator aus der Abtei Roggenburg betreut wurde. 1808 wurde es ganz aufgehoben und mit dem Seminar St. Luzi in Chur vereint. Johann Baptist Hagg erwarb aus dem Nachlass dieses Stiftes viele wertvolle Inkunabeln und andere alte Bücher, die er dann der Mehrerau überließ.

Heinrich von Hermann

Als weiterer Donator sei noch Heinrich von Hermann, Bürger von Freiburg i. Br., viele Jahre wohnhaft in Lindau und dort 1908 gestorben, genannt[12]. Er war ein bekannter Sammler von Kunst und Büchern. Mit dem Mehrerauer Abt Maurus Kalkum eng befreundet, schenkte er diesem einen Zyklus von Wappenscheiben, die jetzt in unserem Kreuzgang in die Bleiverglasung eingefügt sind, eine Münzensammlung, die teilweise auf die ehemalige Abtei Salem zurückging, und viele wertvolle Bücher, darunter ein schön erhaltenes Exemplar der 1616 von Bartholome Schnell gedruckten berühmten Emser Chronik, dem ältesten Vorarlberger Druckwerk, aber auch mehrere Inkunabeln.

Abt Laurentius Wocher

Treibende Kraft für den Aufbau und die Organisation der Bibliothek im Konvent selbst war unbestritten Pater Laurentius Wocher. Anton Wocher war 1856 in Bregenz aus der so genannten „Rathauslinie“ der weit verzweigten Sippschaft geboren und besuchte das Gymnasium in Feldkirch und in Brixen. Seine Lieblingsfächer waren deutsche Literatur, Mathematik und Physik, aber auch Ästhetik und Baukunst. Mit 18 Jahren erstellte er auf Veranlassung seines Onkels General Ludwig von Wocher als Ferienarbeit aus mehreren Archiven einen Stammbaum der Wocher, den er bis 1315 zurückführen konnte. 1875 trat er als erster Vorarlberger in das Noviziat von Mehrerau ein. Bereits als Theologiestudent befasste er sich nebenher intensiv mit der Geschichte des alten Klosters Mehrerau.

Nach der Priesterweihe 1879 unterrichtete er an der Klosterschule. Abt Maurus ernannte ihn 1880 zum Archivar und ein Jahr später zum Bibliothekar des Klosters. Die Großzügigkeit seines Abtes erlaubte ihm, die Bestände der bisherigen Bibliothek um mehrere 10.000 Werke zu vermehren. Da dafür der Platz in der Barockbibliothek nicht mehr ausreichte, beschloss man den Anbau des Südflügels mit Refektorium und großer Magazinbibliothek und fast gleichzeitig des Ostflügels mit Noviziat, Schneiderei, Bäckerei und dem historistischen Kapitelsaal. Die fein und präzis ausgeführten Bauzeichnungen, aber auch die gut durchdachten Entwürfe für die malerische Gestaltung und die heraldische Thematik der Glasmalereien stammen sämtlich von P. Laurenz. Ebenso geht die bis heute gültige Systematik der Signaturen für alle Abteilungen der Bibliothek auf ihn zurück. 1890 ernannte Abt Maurus P. Laurenz zum Großkellner, der für die Verwaltung des Klosters zuständig war. Nach dem Tod von Abt Maurus wurde der erst 37-jährige Laurenz Wocher am 31. Januar 1893 zum Abt gewählt. Mit Feuereifer stürzte er sich in seine neue Aufgabe, die ihn auch zum Präses der aufblühenden Schweizerisch-deutschen Kongregation machte. Er trieb Raubbau mit seinen Kräften, arbeitete oft ganze Nächte durch und starb schließlich 1895 noch nicht 40 Jahre alt an einem Gehirnschlag. Mehrere Laufmeter Abschriften von Dokumenten zur Geschichte der alten Mehrerau, die er säuberlich binden ließ, Baupläne für die Mehrerauer Neubauten und die Kirche des Frauenklosters Gwiggen, Entwürfe für die Ausstattung dieser Bauten und eine Menge handschriftlicher Korrespondenz im Klosterarchiv zeugen für die ungeheuere Arbeitskraft, aber auch für die drängende Unruhe dieses früh vollendeten Mannes[13].

Schlussbetrachtungen

Diese Ausführungen sind nur ein grober Überblick über die Herkunft der wertvollsten Bestände an alten Drucken in der Mehrerauer Klosterbibliothek. „Eine exakte Analyse der Vorbesitzer wird […] erst möglich sein, wenn die auf die vorliegende Bestandsaufnahme aufbauende kodikologische Beschreibung der Druckwerke abgeschlossen sein wird“[14]. Gern warten wir in Geduld auf diese Analyse, danken aber jetzt bereits allen, die an der Neuordnung und dem Ausbau unserer Bibliothek, sowie der aufwändigen Restaurierung der schadhaften Inkunabeln tätig mitgearbeitet haben und dem Land Vorarlberg, der Landeshauptstadt Bregenz und den Sponsoren, die uns mit ihren Beiträgen diese Arbeiten erst ermöglicht haben. Der Wertzuwachs, den die Klosterbibliothek dadurch erfahren hat, ist nicht nur dem Konto des Klosters gutzuschreiben, sondern ein kultureller Gewinn des Landes und der interessierten Öffentlichkeit.

 



[1] Der Text gibt den Vortrag, gehalten am 14.6.2016 im Zisterzienserinnenkloster Mariastern-Gwiggen bei der Jahrestagung der kirchlichen Bibliotheken, unverändert wieder. Ein Beitrag des Autors zum gleichen Titel erschien in Montfort. Zeitschrift für Geschichte Vorarlbergs 63 (2011) 117–120.

[2] Kolumban Spahr, Die Bibliothek der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau. Montfort 28 (1976) 218f.

[3] Erik WeltschNorbert Schnetzer, Die Inkunabeln und Frühdrucke der Klosterbibiothek Mehrerau. Montfort, 53 (2001) 407410.

[4] Inge Dahm, Aargauer Inkunabel-Katalog (Aarau 1985) 393.

[5] Pirmin Lindner, Album Augiae Brigantinae (Bregenz 1904) 5355.

[6] Dominicus Willi, Album Wettingense (Limburg a.d.Lahn 1904) 194f., Nr. 845.

[7] Spahr, Bibliothek (wie Anm. 2) 219.

[8] 188284 Weihbischof und Generalvikar in Feldkirch, 18841904 Fürstbischof von Brixen.

[9] Gestorben am 17. November 1898 als Domherr von Brixen.

[10] Karel Menhart, Anfänge der Reformation in Vorarlberg. Montfort 30 (1978) 83.

[11] Andreas Ulmer, Die Burgen und Edelsitze Vorarlbergs und Liechtensteins (Dornbirn 1925) 750;

Andreas Ulmer–Christoph Vallaster, Bedeutende Feldkircher (Bregenz 1975) 102, 272.

[12] Im Nekrologium von Mehrerau als großer Wohltäter an seinem Todestag 29.6.1908 verzeichnet.

[13] Heinrich Groner, Kreuz und Stab, in: 100 Jahre Zisterzienser in Mehrerau 1854-1954 (=Mehrerauer Grüße, Neue Folge 1, Bregenz 1954) 6365.

[14] Weltsch-Schnetzer, Inkunabeln (wie Anm. 3) 409.

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Referat für die Kulturgüter der Orden