Mitteilungen des Referats für die
Kulturgüter der Orden - MiRKO

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Vortrag beim Kulturtag im Rahmen der Herbsttagung der Orden am 28. November 2018 in Wien.

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Zuerst möchte ich ganz herzlich danken, dass an unsere Gemeinschaft anlässlich des Jubiläumsjahres „1.300 Jahre Hl. Erentrudis“ die Einladung zu diesem Vortrag ergangen ist. Zwar waren der Nonnberg und die hl. Erentrudis aufgrund der Feierlichkeiten in den vergangenen Monaten öfters in den Medien präsent, doch sogar im Rahmen des Kulturtages einen Vortrag halten zu dürfen, sehe ich als besondere Auszeichnung für unser Kloster.

Stift Nonnberg kann aufgrund seines mehr als 1.300-jährigen ununterbrochenen Bestehens auf eine lange Geschichte und Tradition zurückblicken, die zugleich Zeugnis von Gottes Schutz für unser Haus ablegt. Seinem Schutz und der Fürsprache unserer hl. Hausmutter Erentrudis verdanken wir, dass unser Kloster sicher durch alle Stürme der Zeit – seien es politische, wirtschaftliche oder religiöse – gekommen ist. (Abb. 1)

 

Klösterliches Kulturerbe ist ein weites Thema, das vieles umfasst. Doch ich möchte heute nicht über Gebäude, Baustile oder Kunstgegenstände sprechen, zum einen da ich keine Kunsthistorikerin bin und zum anderen, weil unser Kloster kein Museum ist, sondern ein Ort, an dem seit 1.300 Jahren ein Leben der Gottsuche in Gemeinschaft gelebt wird.

Als Benediktinerinnen orientieren wir uns dabei an der Regel des hl. Benedikt von Nursia (480–547), die aufgrund ihrer Ausgeglichenheit, ihrer weisen Maßhaltung und Menschlichkeit heute genauso aktuell ist wie zur Zeit ihrer Abfassung. Nach der Zeit der Völkerwanderung waren es die Benediktiner, die auf der Grundlage dieser Regel unter den Völkern Europas als Kulturbringer wirkten und Zentren der Bildung und Kultur schufen. Deshalb verlieh Papst Paul VI. dem hl. Benedikt im Jahr 1964 bei seiner Erhebung zum Patron Europas auch den Würdetitel „Lehrmeister der Kultur und Zivilisation“.

So möchte ich in diesem Vortrag danach fragen, welches immaterielle Kulturerbe auf der Grundlage der Regel Benedikts in unserem Haus gelebt und tradiert wird, und ob und welche Bedeutung es für Menschen außerhalb des Klosters und für zukünftige Generationen hat bzw. haben kann.

Zuerst möchte ich jedoch einen Blick auf den hl. Benedikt und sein Verständnis von Tradition werfen.

 

Benedikt und die Tradition[1]

 

Bereits in der Antike findet sich eine große Wertschätzung des Alten und der Rückgriff auf das Frühere verbürgt einen hohen Grad an Verbindlichkeit. Auch in der Kirche wird mit dem zunehmenden Abstand zur apostolischen Zeit die Berufung auf die Väter, vor allem die „Väter des Glaubens“, immer wichtiger. Denn sie sind es, die die Aussagen des Evangeliums und die Predigt der Apostel unangetastet überliefert haben.

Auch der hl. Benedikt greift in seiner Regel immer wieder auf das Beispiel und die Lehre der Väter zurück, um die Kontinuität mit dem Ursprung des kirchlichen und monastischen Lebens zu wahren. Absolute Norm ist jedoch immer die Heilige Schrift, auf die sich die Überlieferung der Väter ja stützt. Gleich dem altkirchlichen Mönchtum weiß sich Benedikt der Kontinuität verpflichtet und verzichtet deswegen auf Originalität, auf das noch nie Dagewesene. „Benedikt verspricht sich davon Schutz vor Beliebigkeit; zugleich hofft er, dadurch Glaubwürdigkeit und Authentizität zu gewährleisten.“[2]

Doch so sehr für Benedikt die Tradition wichtig ist, so wenig genügt ihm ein Tradieren im Sinn einer vordergründigen Identität. Es geht Benedikt immer um eine kritische Kontinuität, um einen selbständigen Umgang mit der Tradition im Blick auf die Gegebenheiten. „Die Benediktusregel nimmt die konkrete Situation der Gemeinschaft in den Blick und berücksichtigt die Charaktere und Fähigkeiten der Brüder… Praktischer Maßstab ist nicht das Ideal, sondern was Jahreszeit, Klima, Größe der Gemeinschaft und Art der Arbeit ermöglichen und erfordern.“[3]

 

Drei Beispiele für diesen flexiblen Umgang mit der Tradition möchte ich aus der Regel herausgreifen:

1) Die Psalmeneinteilung

In den Jahrzehnten vor Benedikt war durch ein Übermaß an Arbeit, aber auch durch eine Überlänge der Gebetszeiten im Tagesablauf die Ausgewogenheit zwischen Gebet, Arbeit und geistlicher Lesung vielfach verloren gegangen. Deshalb nimmt Benedikt Veränderungen vor und stellt für das Gebet eine neue Psalmenordnung auf, um das Maß des Gebets an die Gegebenheiten anzupassen. Am Ende der Kapitel über die Psalmenordnung schreibt er:

„Wir machen ausdrücklich auf Folgendes aufmerksam:

Wenn jemand mit dieser Psalmenordnung

nicht einverstanden ist, stelle er eine andere auf, die er für besser hält.

Doch achte er unter allen Umständen darauf,

dass jede Woche der ganze Psalter mit den 150 Psalmen gesungen

und zu den Vigilien am Sonntag stets von vorn begonnen wird.

Denn Mönche, die im Verlauf einer Woche

weniger singen als den ganzen Psalter mit den üblichen Cantica,

sind zu träge im Dienst, den sie gelobt haben.

Lesen wir doch, dass unsere heiligen Väter in ihrem Eifer

an einem einzigen Tag vollbracht haben, was wir in unserer Lauheit

wenigstens in einer ganzen Woche leisten sollten.“[4] (RB 18, 22-25)

 

Zu Benedikts Zeit war es üblich, die 150 Psalmen der Reihe nach an einem Tag oder höchstens auf 2-3 Tage verteilt zu beten und anschließend wieder von vorne zu beginnen. Benedikt hat jedoch den Mut, die 150 Psalmen auf die Gebetszeiten einer ganzen Woche zu verteilen. Er ist sich bewusst, dass das Ideal weit höher liegt, weiß aber auch darum, dass er dieses Gebetspensum von seinen Mönchen nicht mehr verlangen kann. Und so passt er ohne Scheu die Tradition an die neuen Umstände an. Zugleich stellt er seinen Mönchen jedoch das Ideal des ununterbrochenen Psalmengebets, wie es von den ägyptischen Mönchen geübt wurde, vor Augen, um ihren Eifer zu wecken und sie anzuspornen.

 

2) Das Maß der Speise

Auch im Blick auf das Maß der Speise weiß Benedikt um die asketischen Ideale. Die Mönche in der ägyptischen Wüste waren bestrebt gewesen, das Essen und Trinken auf das lebensnotwendige Minimum zu reduzieren – oftmals war das pro Tag nur eine Handvoll Körner mit etwas Salz oder Öl. Genuss war verpönt.

Benedikt ist sich bewusst, dass sich die Zeiten geändert haben und dass er von seinen Mönchen diese Askese auch im Hinblick auf die oftmals schwere Arbeit und die geänderten klimatischen Verhältnisse nicht mehr verlangen kann. Deshalb wandelt er die Tradition dahingehend ab, dass die Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit beim Essen gewahrt bleiben, aber trotzdem jeder Mönch ausreichend versorgt wird. Er schreibt:

„Nach unserer Meinung dürften für die tägliche Hauptmahlzeit,

ob zur sechsten oder neunten Stunde,

für jeden Tisch mit Rücksicht auf die Schwäche Einzelner

zwei gekochte Speisen genügen.

Wer etwa von der einen Speise nicht essen kann,

dem bleibt zur Stärkung die andere.

Zwei gekochte Speisen sollen also für alle Brüder genug sein.

Gibt es Obst oder frisches Gemüse, reiche man es zusätzlich.“ (RB 40,1-3)

 

Das Angebot von zwei gekochten Speisen (die Wüstenmönche aßen das Gemüse roh) dient also nicht der Gaumenfreude, sondern ist Ausdruck der Fürsorge für alle jene, die aus Gesundheitsgründen manche Speisen nicht vertragen. Die Grenze für die Anpassung besteht für Benedikt darin, dass zwei unterschiedliche Speisen genug sind.

 

3) Das Maß des Getränkes

Im Kapitel über das Maß des Getränkes setzt sich Benedikt mit der Frage nach dem Genuss von Wein auseinander. Die Tradition der Mönchsväter betrachtend findet er den Genuss von Wein für Mönche unpassend – doch die Zeiten haben sich geändert und besonders in Italien gehört der Wein ganz selbstverständlich zum Essen dazu. So schreibt er:

„Mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schwachen

meinen wir, dass für jeden täglich eine Hemina Wein genügt. (RB 40,3)

Zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche,

weil aber die Mönche heutzutage

sich davon nicht überzeugen lassen,

sollten wir uns wenigstens darauf einigen,

nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern weniger.“ (RB 40,6)

 

Benedikt stellt seinen Mönchen also das asketische Ideal vor Augen, doch er weiß, dass „die Mönche heutzutage“ anderer Meinung und davon nicht zu überzeugen sind. So entscheidet er sich „im Geist der discretio zugunsten der Realität und gibt – allerdings mit spürbarem Zögern – aus Entgegenkommen für die menschliche Schwäche ein tägliches Maß für die Weinration an[5].“ Eine Hemina ist zwischen einem ¼–½ Liter, also ein überschaubares Maß. Wie bei allen Anpassungen gibt Benedikt auch hier eine Grenze an, da er weiß, dass sich Zugeständnisse leicht verselbständigen und die ursprüngliche Intention aus dem Blick geraten kann.

Als Schülerinnen und Schüler des hl. Benedikt gilt auch für uns, überlieferte Traditionen auf ihren Kern bzw. die zugrundeliegende Intention zu befragen und im Blick auf die Erfordernisse der Gegenwart zu gestalten.

 

Klösterliches Kulturgut

So wie der hl. Benedikt seine Regel im Blick auf das Leben eines jeden Christen geschrieben hat – das Mönchtum ist für Benedikt nämlich nichts anderes als eine Intensivierung des Lebens in der Nachfolge Christi, das sich für jeden Getauften aus der Taufe ergibt –, so möchte ich nun im Folgenden im Blick auf unser Kloster ein paar Traditionen herausgreifen, die als immaterielles Kulturgut auch außerhalb des Klosters ihren Platz haben können – als Tradition von gestern, aber auch für morgen. Dabei bin ich mir bewusst, dass dieses Kulturgut zum Großteil ein allgemeinklösterliches Kulturgut und keineswegs auf den Nonnberg beschränkt ist. Doch ich finde es angebracht, das, was in unseren Klöstern meist selbstverständlich gelebt wird, ausdrücklich als Beitrag der Klöster zur Kultur einer Gesellschaft ins Wort zu fassen.

 

Die Tradition des beständigen Gebetes

Unser Kloster ist ein viele Jahrhunderte altes Haus, und es ist zugleich ein wunderschönes Haus; ich bin mir bewusst, welch ein Privileg es ist, in einem derart schönen Gebäude wohnen zu dürfen. Wenn ich durchs Haus gehe, erfüllt es mich immer wieder mit großer Dankbarkeit, dass Gott mich an einen so besonderen Ort berufen hat. (Abb. 2)

Das, was unser Kloster so besonders macht, sind nicht in erster Linie der Baustil, kostbare Gegenstände, Bilder oder Skulpturen, sondern der Umstand, dass es durchbetete Mauern hat, getränkt vom ununterbrochenen Gotteslob.

Seit 1.300 Jahren leben und beten Mitschwestern ohne Unterbrechung an diesem Ort. Auf ihrem Weg der Gottsuche haben sie Freude und Leid, Notvolles und Hoffnung erlebt und im Gebet mitgetragen, auch die vielen Anliegen und Nöte von Kirche und Welt. Viele Brände haben dazu beigetragen, dass aus den frühen Jahrhunderten nur mehr wenig Bauliches vorhanden ist, und die heutigen Gebäude großteils erst ab dem 13. Jahrhundert erbaut wurden. Seit über 1000 Jahren erhebt sich unsere, für ein Frauenkloster sehr große Stiftskirche gut sichtbar über der Stadt. Die 1009 eingeweihte Kirche, deren Bau Kaiser Heinrich II. gefördert hatte, fiel zwar 1423 einem Großbrand zum Opfer, jedoch erfolgte der Wiederaufbau unserer jetzigen gotischen Kirche auf den romanischen Fundamenten – wie viele Gebete wurden an diesem Ort schon verrichtet! (Abb. 3)

Für uns Benediktinerinnen bilden die Gebetszeiten, das gemeinsame Gotteslob, die Angelpunkte unseres Tages, denen sich alles andere – sei es die Arbeit, die Gemeinschaftszeiten, verschiedene Verpflichtungen – unterordnen, denn „dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden“ (RB 43,3). Diese beständige Tradition des Gebets im Rhythmus von Tag und Nacht, als Gemeinschaft und ganz persönlich prägt den Raum und macht unsere Kirche zu einem besonderen Ort, der von den Menschen aus nah und fern auch als solcher wahrgenommen wird. Das bezeugen die unzähligen Einträge in unser aufliegendes Fürbittbuch in der Kirche. Menschen aus aller Welt sind berührt von dieser Atmosphäre des Friedens und des Gebets, die sie in der Kirche vorfinden.

 

Der Sinn für die Schönheit in der Gestaltung

An die Westwand der Kirche schließt unsere Chorkapelle an, das Herzstück unseres Hauses, in der wir Tag für Tag beten und Gottesdienst feiern. Wie die Kirche strahlt auch die Chorkapelle mit ihrem Flügelaltar, den Wandbildern und den Bildtafeln am Orgelprospekt die schlichte Schönheit der Gotik aus. Jene Schönheit, die den Blick emporzieht, auf das Himmlische lenkt, das sie abbilden möchte, um unsere Sinne dadurch für die Gegenwart Gottes zu öffnen. (Abb. 4, 5)

Im Deckengewölbe geben frühbarocke Fresken aus dem Jahr 1625 gleichsam den Blick in den Himmel frei, auf eine große Schar von zum Teil musizierenden Engeln, denen sich auch drei Nonnen beigesellen. So wird für uns der Psalmvers „Vor dem Angesicht der Engel will ich dir Psalmen singen.“ (Ps 138,1), den der hl. Benedikt in seiner Regel zitiert, während des Gebets ganz real erfahrbar. (Abb. 6)

Die Bildeinfassungen und figürlichen Ausgestaltungen an der Orgel und am Hochaltar sowie das Chorgestühl stammen aus dem 19. Jahrhundert. Der schlichte Volksaltar und der Ambo aus hellem Holz sind Werke des 21. Jahrhunderts. Verschiedene Stilepochen haben also ihre Spuren in unserer Chorkapelle hinterlassen, doch trotzdem fügt sich alles zu einem harmonischen Ganzen, weil immer auf einen Einklang in der Schönheit geachtet wurde. Behutsam wurde jeweils eine Tradition von gestern aufgegriffen und ins Morgen übergeleitet.

Ich merke immer wieder, wie sehr Menschen von der Erhabenheit dieses Raumes berührt werden. So möchte ich fragen: Welche Bedeutung hat die Kunst, sei es die Gotik, sei es das Barock, als Kunst von gestern für das Morgen? Ich denke, die bleibende Aufgabe der Kunst, besonders der sakralen Kunst, ist es, den Blick der Menschen über sich hinaus zu lenken. Hierin sehe ich auch die „Mission“ all unserer Kirchen und Klöster, die von Besuchern vielfach mehr als Kunstobjekte denn als sakrale Räume wahrgenommen werden. In unserer Zeit, die so stark von der Technik geprägt ist, die ohne Zweifel schnell, effizient und in vielen Bereichen hilfreich ist, brauchen die Menschen Orte, die eine Ausstrahlung haben. Die Technik hat keine Ausstrahlung, keine Aura, sondern folgt rein mathematischen Prinzipien. Zwischen 0 und 1 in den verschiedenen Kombinationen gibt es nichts, braucht es auch nichts zu geben, damit ein Computer funktioniert. Doch in jedem Menschen liegt ein Sinn und ein Verlangen nach dem Schönen, nach dem, was den Alltag transzendiert, wo sich der Mensch hineinfinden und durch das er sich auch ausdrücken kann. Kunst, Musik, Tanz – all das rührt den Menschen im Innersten an und lässt ihn staunen und leben, gut leben. Die Technik in ihrer Kälte berührt nicht. Wo der Mensch keinen Sensus mehr für die Schönheit hat, wird er kalt, gefühllos, brutal.

Diese Tradition der Schönheit in der Gestaltung, die sich in unseren Klöstern findet, ist in ihrem Kern jedoch von Kunstwerken unabhängig. Jedes Kloster – so einfach und ärmlich es äußerlich sein mag – wird in seinem Inneren durch die liebevolle Gestaltung der Räume eine schlichte Schönheit verspüren lassen. Denn das Gespür für die Schönheit wird genährt vom Verlangen, die Freude und Schönheit eines Lebens mit Gott sichtbar zu machen.

Dieses Gespür für die Schönheit in der Gestaltung, das über das rein Nützliche hinausgeht, gilt es auch für das Morgen zu bewahren.

 

Die Stille

Unsere alten Klöster, die in ihrer Anlage so großzügig gebaut wurden, mit weiten Gängen, großen Räumen, in denen viel Stille wohnt, schaffen einen ganz eigenen Raum und eine ganz besondere Atmosphäre, die Menschen jeden Alters berührt.

Seit frühester Zeit gehören zum Mönchtum und einem Leben der Gottsuche die Stille und das Schweigen unabdingbar dazu. In der Stille werden wir offen für Gott und seinen Anruf.

Benedikt mahnt seine Mönche: „Immer müssen sich die Mönche mit Eifer um das Schweigen bemühen.“ (RB 42,1) Die Stille ermöglicht ein Innehalten, ein Aussteigen aus dem Lärm und Getriebe und somit eine Konzentration auf das Wesentliche.

Die schlichte Schönheit unseres Kreuzgangs mit seinen Säulen, einigen Grabsteinen an den Wänden und den Butzenscheibenfenstern und die darin herrschende Stille spricht zu den Menschen. (Abb. 7) Wo sonst – außer auf Berggipfeln oder bei einsamen Spaziergängen im Wald – lässt sich so unmittelbar die Stille erleben und entdecken? Wenn Menschen zu uns kommen, staunen sie darüber, dass es an einem Ort, so mitten in der Stadt gelegen, so still sein kann. Was für ein Gegenpol ist unser Kloster zu dem hektischen Treiben mit den vielen Touristen in der Salzburger Altstadt! Dabei sind es nur 144 Stufen und 400 m Luftlinie, die uns vom Domplatz trennen. Das Streben nach Stille und Schweigen ist uns von der Regel her aufgegeben, und zugleich müssen wir uns immer wieder darum mühen, da die Welt und die Technik in Form von Handys auch vor Klostermauern nicht Halt macht. Umso wichtiger ist es, bestimmte Räume der Stille zu schützen, und so achten wir auch darauf, dass unsere Stiftskirche von Touristengruppen in Ruhe und ohne Führung besichtigt wird. Wir möchten auf diese Weise unsere Kirche als einen Ort der Stille und des Gebets erhalten, um den Menschen ein Abstandgewinnen vom Getriebe des Alltags zu ermöglichen – umso mehr, als in den anderen Innenstadtkirchen aufgrund der vielen Besucher tagsüber die Möglichkeit zum stillen Gebet kaum mehr gegeben ist.

 

Die Sorgfalt

Ein anderes klösterliches Kulturerbe ist uns durch unsere Regel vorgegeben und von Generation zu Generation treu tradiert worden: der sorgfältige Umgang mit den Dingen. Der hl. Benedikt weist den Cellerar[6] in RB 31,10 an: „Alle Geräte und den ganzen Besitz des Klosters betrachte er als heiliges Altargerät.“ Nichts ist profan, nichts darf vernachlässigt werden, alle Dinge gehören mit Sorgfalt verwendet und behütet. In RB 32,4 betont Benedikt ganz ausdrücklich: „Wenn einer die Sachen des Klosters verschmutzen lässt oder nachlässig behandelt, werde er getadelt.“ Es ist ja Gemeinschaftseigentum, das ich übernommen habe, für das ich Verantwortung trage und wieder ordentlich zurückzugeben habe.

Diesem sorgfältigen Umgang mit den Dingen und dem Bemühen, alles in gutem Zustand zu erhalten, verdanken wir auch, dass uns so vieles aus vergangenen Jahrhunderten überliefert wurde, egal ob es Kunstobjekte oder Alltagsgegenstände sind. Was heute unter dem Schlagwort „Nachhaltigkeit“ propagiert wird, praktizieren wir in den Klöstern schon seit Langem.

Wenn ich auf unser Kloster schaue, so begegne ich in vielen Bereichen diesem Zeugnis eines nachhaltigen Handelns und sorgfältigen Umgangs mit den Dingen durch die Jahrhunderte.

Was zu uns kam oder angeschafft wurde, wurde immer sorgfältig gepflegt und so benützt, dass nicht mehr Gebrauchsspuren entstanden, als unabdingbar ist. Und so verrät z. B. nur die eingeschnitzte Jahreszahl das Alter eines Kastens. (Abb. 8)

Oder, worüber ich erst kürzlich staunte: Die Tafel mit den Einlegetäfelchen, die Woche für Woche die Dienste der Mitschwestern beim Gebet und im Refektorium anzeigt, hatte ich auf ein Alter von ca. 120 Jahren geschätzt. Doch als ich sie einmal umdrehte, fand ich auf der Rückseite die eingravierte Jahreszahl 1777 und den Namen dessen, der sie gefertigt hat. Damit ist sie bereits seit 240 Jahren in Gebrauch, doch rein äußerlich lässt nichts auf diese lange Verwendung der Tafel schließen.

Mich beeindrucken aber nicht nur diese Zeugnisse einer sorgfältigen Verwendung der Dinge, sondern auch mit wie viel Sorgfalt und Liebe zum Detail Dinge früher hergestellt wurden – die Beschläge der Schlösser an der Innenseite von Kastentüren wurden alle kunstvoll verziert. (Abb. 9)

Bei vielen Konstruktionen merkt man, wie durchdacht sie sind und welch lange Erfahrung dahintersteht. Ich denke dabei z. B. an unsere alten Türklinken, die auf der Oberseite des Griffes am Ende mit einer ovalen Fläche versehen wurden. Der Sinn dieser kleinen Platte ist, dass man damit, wenn man die Hände nicht frei hat, die Klinke ganz bequem mit dem Ellenbogen hinunterdrücken kann ohne dabei abzurutschen. Und der Griff ist so schmal, dass man ihn auch mit nur einem Finger fest umfassen und so die Tür hinter sich zuziehen kann. Bei den heutigen, glatten Türklinken ist das nicht so einfach möglich.

Und auch so manche neue Erfindung ist gar nicht so neu: Vor Längerem blätterte ich in einem Katalog, in dem praktische Haushaltshilfen angepriesen wurden, und fand dort einen Holzsessel, der mit einem Handgriff in eine kleine Trittleiter umgewandelt werden kann. Da musste ich schmunzeln, denn derartige Sessel gibt es bei uns mehrere und das seit langem.

 

Die klösterliche Sorgfalt im Umgang mit den Dingen steht der heutigen Wegwerfmentalität und dem Streben, Dinge nur für den kurzzeitigen Gebrauch zu produzieren diametral gegenüber, und so sehe ich es als einen wichtigen Auftrag, diese Tradition von gestern im Heute zu leben und für das Morgen weiterzugeben. Denn indem ich Dinge sorgfältig behandle, drücke ich damit auch eine Dankbarkeit dafür aus, dass ich sie zur Verfügung habe, und dass ich mir bewusst bin, dass ich auf einer Grundlage lebe, die von vergangenen Generationen geschaffen wurde, und dass ich durch mein Handeln Mitsorge trage für meine Umwelt aber auch für die Zukunft. Im Gegensatz zu jenen, die ohne einen Blick oder ohne Rücksicht auf die vorhergegangenen oder zukünftigen Generationen alles nur gedankenlos konsumieren.

 

Der Umgang miteinander

Oft werde ich gefragt: „Wie reden Sie sich untereinander an?“ In der Gemeinschaft reden wir uns nicht mit „Du“ sondern mit „Sie“ an. Und wir nennen auch nie den Namen allein, sondern fügen „Frau“ dazu, also Frau Eva-Maria, Frau Miriam etc. Dass wir uns mit „Frau“ anreden, kommt daher, dass wir von der Tradition her Chorfrauen sind, genauso wie sich die Augustiner Chorherren mit „Herr“ statt mit „Pater“ anreden. Das mag manchen von Ihnen vielleicht antiquiert vorkommen, vielleicht empfinden Sie es auch als eine sehr distanzierte Anrede, noch dazu in einer Gemeinschaft. Doch diese Tradition ist in unserer Regel begründet. In RB 63,10-12 sagt Benedikt, dass keiner den anderen mit dem bloßen Namen anreden darf.

„Die Jüngeren sollen also die Älteren ehren,

die Älteren die Jüngeren lieben.

Spricht man einander an,

so darf keiner den anderen mit dem bloßen Namen anreden,

sondern die Älteren sollen die Jüngeren „Bruder“ nennen,

die Jüngeren aber die Älteren „nonnus“,

was soviel wie „ehrwürdiger Vater“ heißt.“

 

Aus diesem Zusammenhang wird deutlich, worum es geht: nicht um eine Distanziertheit, sondern um die Ehrfurcht dem anderen gegenüber. Es geht also um eine Haltung, die den anderen nicht vereinnahmt und oder leichtfertig zum Kumpel macht. Für mich ist es ein Ausdruck des Respekts, der Wertschätzung des anderen, und ich kann aus eigener Erfahrung bezeugen, dass das bei uns geübte Sie keineswegs die Herzlichkeit mindert oder einen liebvollen Umgang ausschließt. Insofern empfinde ich diese bei uns geübte Tradition als eine, die nicht nur im Gestern seine Berechtigung hatte, sondern die auch eine Botschaft für das Morgen enthält. Denn Ehrfurcht und Wertschätzung im Umgang miteinander sind meiner Meinung nach bleibend wichtig und aktuell, vielleicht heute angesichts der verbalen Auswüchse und Entgleisungen in den sozialen Netzwerken sogar noch mehr als früher. Das bedeutet nicht, dass ich der Meinung bin, dass man überall zum Sie zurückkehren müsse, wohl aber steckt für mich hinter dieser Aufforderung Benedikts immer wieder die Anfrage: Wie begegne ich meinen Mitmenschen/Gesprächspartnern? Wie kann ich den Anderen Wertschätzung vermitteln? Deswegen wäre es für mich auch kein Problem, wenn wir uns in der Gemeinschaft entscheiden würden, das „Du“ zu verwenden, denn die Intention, die dahinter steckt, ist entscheidend und tradierungswürdig.

 

Der Umgang mit dem Tod

Während in unserer Gesellschaft der Tod und das Sterben immer mehr aus dem Blickfeld gerückt werden und sich damit viele Ängste verbinden, erlebe ich bei uns noch eine Kultur des Sterbens, die den Tod als zum Leben gehörig annimmt, wo dem Tod kein Schrecken anhaftet. Wer auf der letzten Wegstrecke ist, ist nicht allein. Früher war es üblich, dass sogar in der Nacht bei einer sterbenden Mitschwester gewacht und gebetet wurde – das schaffen wir heute personell nicht mehr, doch soweit es möglich ist, wechseln sich die Mitschwestern tagsüber ab. Wenn eine Mitschwester verstorben ist, kommen wir alle beim Totenbett zum Gebet zusammen. Das Ankleiden und Einsargen der Verstorbenen übernehmen die Mitschwestern, ehe der Sarg in die Kirche überführt wird. Am Tag vor dem Begräbnis versammelt sich die ganze Gemeinschaft nochmals beim Sarg, um dort für die verstorbene Mitschwester ein letztes Mal jene Antiphonen zu singen, die sie zum ersten Mal bei ihrer eigenen Profess gesungen hat. Dieses stellvertretende Singen der Antiphonen berührt mich jedes Mal aufs Neue. Es ist für mich der schönste Ausdruck von Gemeinschaft über den Tod hinaus. Was die Verstorbene nicht mehr tun kann, tun die Mitschwestern für sie. Diese Tradition des Umgangs mit dem Tod ist für mich ein hohes Gut, das es zu bewahren gilt. Wann immer es passt, spreche ich auch in der Begegnung mit Schulklassen darüber, um ihnen eine andere Sicht auf den Tod, der zum Leben gehört, zu ermöglichen.

 

Das Bewusstsein, in einer Tradition zu stehen

Noch ein letztes Kulturerbe möchte ich ansprechen, das in einem so alten Kloster wie dem Nonnberg deutlicher in das Bewusstsein kommt: das Bewusstsein, in einer Tradition zu stehen und Glied einer langen Kette zu sein. Mich erfüllt es mit großer Dankbarkeit und Wertschätzung, wenn ich an die große Zahl von Mitschwestern denke, die in diesen 1.300 Jahren in unserem Haus gelebt, gebetet und gearbeitet haben, und die dazu beitrugen, dass unser Kloster heute so ist, wie es ist. Alle haben sich gemäß ihrer Zeit und nach dem jeweiligen Verständnis der äußeren und inneren Gegebenheiten für die Gemeinschaft und unser Haus eingesetzt und ihr Leben so gestaltet, dass es der Verherrlichung Gottes diente. So manche Handlungsweise oder Frömmigkeitsform war zeitbedingt und erscheint uns heute vielleicht seltsam oder ist auch nicht mehr praktikabel. Doch das Grundlegende änderte sich nicht: die Ernsthaftigkeit in der Nachfolge Christi und der Primat des gemeinsamen Gotteslobes vor allen anderen Dingen.

Das ist die Tradition, an der sich durch die Jahrhunderte die verschiedenen Traditionen gemessen haben, und das trug dazu bei, dass die Gemeinschaft immer ein lebendiger Organismus blieb. Flexibilität und Tradition gehören zusammen, und es gilt immer wieder das biblische „Prüft alles, behaltet das Gute“[7] anzuwenden. So weiß ich, dass ich in meiner Zeit, mit den heutigen Möglichkeiten an der Tradition unseres Klosters und unserer Gemeinschaft mitwirken darf und dass es dabei immer dieses Blickes auf das Ganze bedarf. So versuche ich auch besonders Jugendlichen zu vermitteln, dass ein altes Kloster keine Sache von gestern ist, sondern dass es mit der Zeit geht, was jedoch nicht damit gleichbedeutend ist, alle Zeitströmungen mitzumachen. Im Kloster ticken die Uhren anders, hat die Zeit eine andere Qualität, auch deswegen, weil die Gebetszeiten den Tag strukturieren. Das bedeutet zugleich, dass ich mit der zur Verfügung stehenden Zeit sehr kostbar umgehen muss, denn an Arbeit und Dingen, die es zu erledigen gibt, mangelt es einem nie. Der Blick auf unsere lange Geschichte lehrt uns, Entscheidungen gut überdacht zu treffen, damit die Dinge Bestand haben, anstatt nur aus dem Bauch heraus zu handeln. Zugleich ist dieser Blick auf die Geschichte ein gutes Korrektiv gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit und eine Mentalität, die das eigene Meinen und Empfinden zum Angelpunkt der Welt erklärt. Dieses Bewusstsein des Ein- und Rückgebundenseins in bzw. an eine Tradition schenkt auch eine gewisse Gelassenheit im Blick auf die Zukunft, denn beim Rückblick auf die vergangenen Jahrhunderte wird sichtbar, dass Gott letztlich immer den längeren Atem hat.



[1] Vgl. Michaela PUZICHA, Die „Väter“ in der Benediktusregel, in: Erbe und Auftrag 83 (2007), 17–30; 178–187.

[2] PUZICHA, Väter (wie Anm. 1) 178.

[3] PUZICHA, Väter (wie Anm. 1) 183.

[4] Salzburger Äbtekonferenz (Hg.), Die Regel des Heiligen Benedikt (Beuron ²1992).

[5] PUZICHA, Väter (wie Anm. 1) 185.

[6] Der Cellerar (lat. cellerarius, Kellermeister; abgeleitet von cella, cellarium) ist der Verwalter des materiellen Guts in Klostergemeinschaften die nach der Benediktsregel leben. Siehe auch: J. Semmler: Cell(er)arius in: LexMA 2, S. 1607–1608, Metzler, Stuttgart 2000

[7] 1 Thess 5,21

 

( 1 )
Klösterliches Kulturerbe – Tradition von gestern und/oder für morgen?
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Eva-Maria Saurugg OSB

Vortrag beim Kulturtag im Rahmen der Herbsttagung der Orden am 28. November 2018 in Wien.

Zuerst möchte ich ganz herzlich danken, dass an unsere Gemeinschaft anlässlich des Jubiläumsjahres „1.300 Jahre Hl. Erentrudis“ die Einladung zu diesem Vortrag ergangen ist. Zwar waren der Nonnberg und die hl. Erentrudis aufgrund der Feierlichkeiten in den vergangenen Monaten öfters in den Medien präsent, doch sogar im Rahmen des Kulturtages einen Vortrag halten zu dürfen, sehe ich als besondere Auszeichnung für unser Kloster.

Stift Nonnberg kann aufgrund seines mehr als 1.300-jährigen ununterbrochenen Bestehens auf eine lange Geschichte und Tradition zurückblicken, die zugleich Zeugnis von Gottes Schutz für unser Haus ablegt. Seinem Schutz und der Fürsprache unserer hl. Hausmutter Erentrudis verdanken wir, dass unser Kloster sicher durch alle Stürme der Zeit – seien es politische, wirtschaftliche oder religiöse – gekommen ist. (Abb. 1)

 

Klösterliches Kulturerbe ist ein weites Thema, das vieles umfasst. Doch ich möchte heute nicht über Gebäude, Baustile oder Kunstgegenstände sprechen, zum einen da ich keine Kunsthistorikerin bin und zum anderen, weil unser Kloster kein Museum ist, sondern ein Ort, an dem seit 1.300 Jahren ein Leben der Gottsuche in Gemeinschaft gelebt wird.

Als Benediktinerinnen orientieren wir uns dabei an der Regel des hl. Benedikt von Nursia (480–547), die aufgrund ihrer Ausgeglichenheit, ihrer weisen Maßhaltung und Menschlichkeit heute genauso aktuell ist wie zur Zeit ihrer Abfassung. Nach der Zeit der Völkerwanderung waren es die Benediktiner, die auf der Grundlage dieser Regel unter den Völkern Europas als Kulturbringer wirkten und Zentren der Bildung und Kultur schufen. Deshalb verlieh Papst Paul VI. dem hl. Benedikt im Jahr 1964 bei seiner Erhebung zum Patron Europas auch den Würdetitel „Lehrmeister der Kultur und Zivilisation“.

So möchte ich in diesem Vortrag danach fragen, welches immaterielle Kulturerbe auf der Grundlage der Regel Benedikts in unserem Haus gelebt und tradiert wird, und ob und welche Bedeutung es für Menschen außerhalb des Klosters und für zukünftige Generationen hat bzw. haben kann.

Zuerst möchte ich jedoch einen Blick auf den hl. Benedikt und sein Verständnis von Tradition werfen.

 

Benedikt und die Tradition[1]

 

Bereits in der Antike findet sich eine große Wertschätzung des Alten und der Rückgriff auf das Frühere verbürgt einen hohen Grad an Verbindlichkeit. Auch in der Kirche wird mit dem zunehmenden Abstand zur apostolischen Zeit die Berufung auf die Väter, vor allem die „Väter des Glaubens“, immer wichtiger. Denn sie sind es, die die Aussagen des Evangeliums und die Predigt der Apostel unangetastet überliefert haben.

Auch der hl. Benedikt greift in seiner Regel immer wieder auf das Beispiel und die Lehre der Väter zurück, um die Kontinuität mit dem Ursprung des kirchlichen und monastischen Lebens zu wahren. Absolute Norm ist jedoch immer die Heilige Schrift, auf die sich die Überlieferung der Väter ja stützt. Gleich dem altkirchlichen Mönchtum weiß sich Benedikt der Kontinuität verpflichtet und verzichtet deswegen auf Originalität, auf das noch nie Dagewesene. „Benedikt verspricht sich davon Schutz vor Beliebigkeit; zugleich hofft er, dadurch Glaubwürdigkeit und Authentizität zu gewährleisten.“[2]

Doch so sehr für Benedikt die Tradition wichtig ist, so wenig genügt ihm ein Tradieren im Sinn einer vordergründigen Identität. Es geht Benedikt immer um eine kritische Kontinuität, um einen selbständigen Umgang mit der Tradition im Blick auf die Gegebenheiten. „Die Benediktusregel nimmt die konkrete Situation der Gemeinschaft in den Blick und berücksichtigt die Charaktere und Fähigkeiten der Brüder… Praktischer Maßstab ist nicht das Ideal, sondern was Jahreszeit, Klima, Größe der Gemeinschaft und Art der Arbeit ermöglichen und erfordern.“[3]

 

Drei Beispiele für diesen flexiblen Umgang mit der Tradition möchte ich aus der Regel herausgreifen:

1) Die Psalmeneinteilung

In den Jahrzehnten vor Benedikt war durch ein Übermaß an Arbeit, aber auch durch eine Überlänge der Gebetszeiten im Tagesablauf die Ausgewogenheit zwischen Gebet, Arbeit und geistlicher Lesung vielfach verloren gegangen. Deshalb nimmt Benedikt Veränderungen vor und stellt für das Gebet eine neue Psalmenordnung auf, um das Maß des Gebets an die Gegebenheiten anzupassen. Am Ende der Kapitel über die Psalmenordnung schreibt er:

„Wir machen ausdrücklich auf Folgendes aufmerksam:

Wenn jemand mit dieser Psalmenordnung

nicht einverstanden ist, stelle er eine andere auf, die er für besser hält.

Doch achte er unter allen Umständen darauf,

dass jede Woche der ganze Psalter mit den 150 Psalmen gesungen

und zu den Vigilien am Sonntag stets von vorn begonnen wird.

Denn Mönche, die im Verlauf einer Woche

weniger singen als den ganzen Psalter mit den üblichen Cantica,

sind zu träge im Dienst, den sie gelobt haben.

Lesen wir doch, dass unsere heiligen Väter in ihrem Eifer

an einem einzigen Tag vollbracht haben, was wir in unserer Lauheit

wenigstens in einer ganzen Woche leisten sollten.“[4] (RB 18, 22-25)

 

Zu Benedikts Zeit war es üblich, die 150 Psalmen der Reihe nach an einem Tag oder höchstens auf 2-3 Tage verteilt zu beten und anschließend wieder von vorne zu beginnen. Benedikt hat jedoch den Mut, die 150 Psalmen auf die Gebetszeiten einer ganzen Woche zu verteilen. Er ist sich bewusst, dass das Ideal weit höher liegt, weiß aber auch darum, dass er dieses Gebetspensum von seinen Mönchen nicht mehr verlangen kann. Und so passt er ohne Scheu die Tradition an die neuen Umstände an. Zugleich stellt er seinen Mönchen jedoch das Ideal des ununterbrochenen Psalmengebets, wie es von den ägyptischen Mönchen geübt wurde, vor Augen, um ihren Eifer zu wecken und sie anzuspornen.

 

2) Das Maß der Speise

Auch im Blick auf das Maß der Speise weiß Benedikt um die asketischen Ideale. Die Mönche in der ägyptischen Wüste waren bestrebt gewesen, das Essen und Trinken auf das lebensnotwendige Minimum zu reduzieren – oftmals war das pro Tag nur eine Handvoll Körner mit etwas Salz oder Öl. Genuss war verpönt.

Benedikt ist sich bewusst, dass sich die Zeiten geändert haben und dass er von seinen Mönchen diese Askese auch im Hinblick auf die oftmals schwere Arbeit und die geänderten klimatischen Verhältnisse nicht mehr verlangen kann. Deshalb wandelt er die Tradition dahingehend ab, dass die Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit beim Essen gewahrt bleiben, aber trotzdem jeder Mönch ausreichend versorgt wird. Er schreibt:

„Nach unserer Meinung dürften für die tägliche Hauptmahlzeit,

ob zur sechsten oder neunten Stunde,

für jeden Tisch mit Rücksicht auf die Schwäche Einzelner

zwei gekochte Speisen genügen.

Wer etwa von der einen Speise nicht essen kann,

dem bleibt zur Stärkung die andere.

Zwei gekochte Speisen sollen also für alle Brüder genug sein.

Gibt es Obst oder frisches Gemüse, reiche man es zusätzlich.“ (RB 40,1-3)

 

Das Angebot von zwei gekochten Speisen (die Wüstenmönche aßen das Gemüse roh) dient also nicht der Gaumenfreude, sondern ist Ausdruck der Fürsorge für alle jene, die aus Gesundheitsgründen manche Speisen nicht vertragen. Die Grenze für die Anpassung besteht für Benedikt darin, dass zwei unterschiedliche Speisen genug sind.

 

3) Das Maß des Getränkes

Im Kapitel über das Maß des Getränkes setzt sich Benedikt mit der Frage nach dem Genuss von Wein auseinander. Die Tradition der Mönchsväter betrachtend findet er den Genuss von Wein für Mönche unpassend – doch die Zeiten haben sich geändert und besonders in Italien gehört der Wein ganz selbstverständlich zum Essen dazu. So schreibt er:

„Mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schwachen

meinen wir, dass für jeden täglich eine Hemina Wein genügt. (RB 40,3)

Zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche,

weil aber die Mönche heutzutage

sich davon nicht überzeugen lassen,

sollten wir uns wenigstens darauf einigen,

nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern weniger.“ (RB 40,6)

 

Benedikt stellt seinen Mönchen also das asketische Ideal vor Augen, doch er weiß, dass „die Mönche heutzutage“ anderer Meinung und davon nicht zu überzeugen sind. So entscheidet er sich „im Geist der discretio zugunsten der Realität und gibt – allerdings mit spürbarem Zögern – aus Entgegenkommen für die menschliche Schwäche ein tägliches Maß für die Weinration an[5].“ Eine Hemina ist zwischen einem ¼–½ Liter, also ein überschaubares Maß. Wie bei allen Anpassungen gibt Benedikt auch hier eine Grenze an, da er weiß, dass sich Zugeständnisse leicht verselbständigen und die ursprüngliche Intention aus dem Blick geraten kann.

Als Schülerinnen und Schüler des hl. Benedikt gilt auch für uns, überlieferte Traditionen auf ihren Kern bzw. die zugrundeliegende Intention zu befragen und im Blick auf die Erfordernisse der Gegenwart zu gestalten.

 

Klösterliches Kulturgut

So wie der hl. Benedikt seine Regel im Blick auf das Leben eines jeden Christen geschrieben hat – das Mönchtum ist für Benedikt nämlich nichts anderes als eine Intensivierung des Lebens in der Nachfolge Christi, das sich für jeden Getauften aus der Taufe ergibt –, so möchte ich nun im Folgenden im Blick auf unser Kloster ein paar Traditionen herausgreifen, die als immaterielles Kulturgut auch außerhalb des Klosters ihren Platz haben können – als Tradition von gestern, aber auch für morgen. Dabei bin ich mir bewusst, dass dieses Kulturgut zum Großteil ein allgemeinklösterliches Kulturgut und keineswegs auf den Nonnberg beschränkt ist. Doch ich finde es angebracht, das, was in unseren Klöstern meist selbstverständlich gelebt wird, ausdrücklich als Beitrag der Klöster zur Kultur einer Gesellschaft ins Wort zu fassen.

 

Die Tradition des beständigen Gebetes

Unser Kloster ist ein viele Jahrhunderte altes Haus, und es ist zugleich ein wunderschönes Haus; ich bin mir bewusst, welch ein Privileg es ist, in einem derart schönen Gebäude wohnen zu dürfen. Wenn ich durchs Haus gehe, erfüllt es mich immer wieder mit großer Dankbarkeit, dass Gott mich an einen so besonderen Ort berufen hat. (Abb. 2)

Das, was unser Kloster so besonders macht, sind nicht in erster Linie der Baustil, kostbare Gegenstände, Bilder oder Skulpturen, sondern der Umstand, dass es durchbetete Mauern hat, getränkt vom ununterbrochenen Gotteslob.

Seit 1.300 Jahren leben und beten Mitschwestern ohne Unterbrechung an diesem Ort. Auf ihrem Weg der Gottsuche haben sie Freude und Leid, Notvolles und Hoffnung erlebt und im Gebet mitgetragen, auch die vielen Anliegen und Nöte von Kirche und Welt. Viele Brände haben dazu beigetragen, dass aus den frühen Jahrhunderten nur mehr wenig Bauliches vorhanden ist, und die heutigen Gebäude großteils erst ab dem 13. Jahrhundert erbaut wurden. Seit über 1000 Jahren erhebt sich unsere, für ein Frauenkloster sehr große Stiftskirche gut sichtbar über der Stadt. Die 1009 eingeweihte Kirche, deren Bau Kaiser Heinrich II. gefördert hatte, fiel zwar 1423 einem Großbrand zum Opfer, jedoch erfolgte der Wiederaufbau unserer jetzigen gotischen Kirche auf den romanischen Fundamenten – wie viele Gebete wurden an diesem Ort schon verrichtet! (Abb. 3)

Für uns Benediktinerinnen bilden die Gebetszeiten, das gemeinsame Gotteslob, die Angelpunkte unseres Tages, denen sich alles andere – sei es die Arbeit, die Gemeinschaftszeiten, verschiedene Verpflichtungen – unterordnen, denn „dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden“ (RB 43,3). Diese beständige Tradition des Gebets im Rhythmus von Tag und Nacht, als Gemeinschaft und ganz persönlich prägt den Raum und macht unsere Kirche zu einem besonderen Ort, der von den Menschen aus nah und fern auch als solcher wahrgenommen wird. Das bezeugen die unzähligen Einträge in unser aufliegendes Fürbittbuch in der Kirche. Menschen aus aller Welt sind berührt von dieser Atmosphäre des Friedens und des Gebets, die sie in der Kirche vorfinden.

 

Der Sinn für die Schönheit in der Gestaltung

An die Westwand der Kirche schließt unsere Chorkapelle an, das Herzstück unseres Hauses, in der wir Tag für Tag beten und Gottesdienst feiern. Wie die Kirche strahlt auch die Chorkapelle mit ihrem Flügelaltar, den Wandbildern und den Bildtafeln am Orgelprospekt die schlichte Schönheit der Gotik aus. Jene Schönheit, die den Blick emporzieht, auf das Himmlische lenkt, das sie abbilden möchte, um unsere Sinne dadurch für die Gegenwart Gottes zu öffnen. (Abb. 4, 5)

Im Deckengewölbe geben frühbarocke Fresken aus dem Jahr 1625 gleichsam den Blick in den Himmel frei, auf eine große Schar von zum Teil musizierenden Engeln, denen sich auch drei Nonnen beigesellen. So wird für uns der Psalmvers „Vor dem Angesicht der Engel will ich dir Psalmen singen.“ (Ps 138,1), den der hl. Benedikt in seiner Regel zitiert, während des Gebets ganz real erfahrbar. (Abb. 6)

Die Bildeinfassungen und figürlichen Ausgestaltungen an der Orgel und am Hochaltar sowie das Chorgestühl stammen aus dem 19. Jahrhundert. Der schlichte Volksaltar und der Ambo aus hellem Holz sind Werke des 21. Jahrhunderts. Verschiedene Stilepochen haben also ihre Spuren in unserer Chorkapelle hinterlassen, doch trotzdem fügt sich alles zu einem harmonischen Ganzen, weil immer auf einen Einklang in der Schönheit geachtet wurde. Behutsam wurde jeweils eine Tradition von gestern aufgegriffen und ins Morgen übergeleitet.

Ich merke immer wieder, wie sehr Menschen von der Erhabenheit dieses Raumes berührt werden. So möchte ich fragen: Welche Bedeutung hat die Kunst, sei es die Gotik, sei es das Barock, als Kunst von gestern für das Morgen? Ich denke, die bleibende Aufgabe der Kunst, besonders der sakralen Kunst, ist es, den Blick der Menschen über sich hinaus zu lenken. Hierin sehe ich auch die „Mission“ all unserer Kirchen und Klöster, die von Besuchern vielfach mehr als Kunstobjekte denn als sakrale Räume wahrgenommen werden. In unserer Zeit, die so stark von der Technik geprägt ist, die ohne Zweifel schnell, effizient und in vielen Bereichen hilfreich ist, brauchen die Menschen Orte, die eine Ausstrahlung haben. Die Technik hat keine Ausstrahlung, keine Aura, sondern folgt rein mathematischen Prinzipien. Zwischen 0 und 1 in den verschiedenen Kombinationen gibt es nichts, braucht es auch nichts zu geben, damit ein Computer funktioniert. Doch in jedem Menschen liegt ein Sinn und ein Verlangen nach dem Schönen, nach dem, was den Alltag transzendiert, wo sich der Mensch hineinfinden und durch das er sich auch ausdrücken kann. Kunst, Musik, Tanz – all das rührt den Menschen im Innersten an und lässt ihn staunen und leben, gut leben. Die Technik in ihrer Kälte berührt nicht. Wo der Mensch keinen Sensus mehr für die Schönheit hat, wird er kalt, gefühllos, brutal.

Diese Tradition der Schönheit in der Gestaltung, die sich in unseren Klöstern findet, ist in ihrem Kern jedoch von Kunstwerken unabhängig. Jedes Kloster – so einfach und ärmlich es äußerlich sein mag – wird in seinem Inneren durch die liebevolle Gestaltung der Räume eine schlichte Schönheit verspüren lassen. Denn das Gespür für die Schönheit wird genährt vom Verlangen, die Freude und Schönheit eines Lebens mit Gott sichtbar zu machen.

Dieses Gespür für die Schönheit in der Gestaltung, das über das rein Nützliche hinausgeht, gilt es auch für das Morgen zu bewahren.

 

Die Stille

Unsere alten Klöster, die in ihrer Anlage so großzügig gebaut wurden, mit weiten Gängen, großen Räumen, in denen viel Stille wohnt, schaffen einen ganz eigenen Raum und eine ganz besondere Atmosphäre, die Menschen jeden Alters berührt.

Seit frühester Zeit gehören zum Mönchtum und einem Leben der Gottsuche die Stille und das Schweigen unabdingbar dazu. In der Stille werden wir offen für Gott und seinen Anruf.

Benedikt mahnt seine Mönche: „Immer müssen sich die Mönche mit Eifer um das Schweigen bemühen.“ (RB 42,1) Die Stille ermöglicht ein Innehalten, ein Aussteigen aus dem Lärm und Getriebe und somit eine Konzentration auf das Wesentliche.

Die schlichte Schönheit unseres Kreuzgangs mit seinen Säulen, einigen Grabsteinen an den Wänden und den Butzenscheibenfenstern und die darin herrschende Stille spricht zu den Menschen. (Abb. 7) Wo sonst – außer auf Berggipfeln oder bei einsamen Spaziergängen im Wald – lässt sich so unmittelbar die Stille erleben und entdecken? Wenn Menschen zu uns kommen, staunen sie darüber, dass es an einem Ort, so mitten in der Stadt gelegen, so still sein kann. Was für ein Gegenpol ist unser Kloster zu dem hektischen Treiben mit den vielen Touristen in der Salzburger Altstadt! Dabei sind es nur 144 Stufen und 400 m Luftlinie, die uns vom Domplatz trennen. Das Streben nach Stille und Schweigen ist uns von der Regel her aufgegeben, und zugleich müssen wir uns immer wieder darum mühen, da die Welt und die Technik in Form von Handys auch vor Klostermauern nicht Halt macht. Umso wichtiger ist es, bestimmte Räume der Stille zu schützen, und so achten wir auch darauf, dass unsere Stiftskirche von Touristengruppen in Ruhe und ohne Führung besichtigt wird. Wir möchten auf diese Weise unsere Kirche als einen Ort der Stille und des Gebets erhalten, um den Menschen ein Abstandgewinnen vom Getriebe des Alltags zu ermöglichen – umso mehr, als in den anderen Innenstadtkirchen aufgrund der vielen Besucher tagsüber die Möglichkeit zum stillen Gebet kaum mehr gegeben ist.

 

Die Sorgfalt

Ein anderes klösterliches Kulturerbe ist uns durch unsere Regel vorgegeben und von Generation zu Generation treu tradiert worden: der sorgfältige Umgang mit den Dingen. Der hl. Benedikt weist den Cellerar[6] in RB 31,10 an: „Alle Geräte und den ganzen Besitz des Klosters betrachte er als heiliges Altargerät.“ Nichts ist profan, nichts darf vernachlässigt werden, alle Dinge gehören mit Sorgfalt verwendet und behütet. In RB 32,4 betont Benedikt ganz ausdrücklich: „Wenn einer die Sachen des Klosters verschmutzen lässt oder nachlässig behandelt, werde er getadelt.“ Es ist ja Gemeinschaftseigentum, das ich übernommen habe, für das ich Verantwortung trage und wieder ordentlich zurückzugeben habe.

Diesem sorgfältigen Umgang mit den Dingen und dem Bemühen, alles in gutem Zustand zu erhalten, verdanken wir auch, dass uns so vieles aus vergangenen Jahrhunderten überliefert wurde, egal ob es Kunstobjekte oder Alltagsgegenstände sind. Was heute unter dem Schlagwort „Nachhaltigkeit“ propagiert wird, praktizieren wir in den Klöstern schon seit Langem.

Wenn ich auf unser Kloster schaue, so begegne ich in vielen Bereichen diesem Zeugnis eines nachhaltigen Handelns und sorgfältigen Umgangs mit den Dingen durch die Jahrhunderte.

Was zu uns kam oder angeschafft wurde, wurde immer sorgfältig gepflegt und so benützt, dass nicht mehr Gebrauchsspuren entstanden, als unabdingbar ist. Und so verrät z. B. nur die eingeschnitzte Jahreszahl das Alter eines Kastens. (Abb. 8)

Oder, worüber ich erst kürzlich staunte: Die Tafel mit den Einlegetäfelchen, die Woche für Woche die Dienste der Mitschwestern beim Gebet und im Refektorium anzeigt, hatte ich auf ein Alter von ca. 120 Jahren geschätzt. Doch als ich sie einmal umdrehte, fand ich auf der Rückseite die eingravierte Jahreszahl 1777 und den Namen dessen, der sie gefertigt hat. Damit ist sie bereits seit 240 Jahren in Gebrauch, doch rein äußerlich lässt nichts auf diese lange Verwendung der Tafel schließen.

Mich beeindrucken aber nicht nur diese Zeugnisse einer sorgfältigen Verwendung der Dinge, sondern auch mit wie viel Sorgfalt und Liebe zum Detail Dinge früher hergestellt wurden – die Beschläge der Schlösser an der Innenseite von Kastentüren wurden alle kunstvoll verziert. (Abb. 9)

Bei vielen Konstruktionen merkt man, wie durchdacht sie sind und welch lange Erfahrung dahintersteht. Ich denke dabei z. B. an unsere alten Türklinken, die auf der Oberseite des Griffes am Ende mit einer ovalen Fläche versehen wurden. Der Sinn dieser kleinen Platte ist, dass man damit, wenn man die Hände nicht frei hat, die Klinke ganz bequem mit dem Ellenbogen hinunterdrücken kann ohne dabei abzurutschen. Und der Griff ist so schmal, dass man ihn auch mit nur einem Finger fest umfassen und so die Tür hinter sich zuziehen kann. Bei den heutigen, glatten Türklinken ist das nicht so einfach möglich.

Und auch so manche neue Erfindung ist gar nicht so neu: Vor Längerem blätterte ich in einem Katalog, in dem praktische Haushaltshilfen angepriesen wurden, und fand dort einen Holzsessel, der mit einem Handgriff in eine kleine Trittleiter umgewandelt werden kann. Da musste ich schmunzeln, denn derartige Sessel gibt es bei uns mehrere und das seit langem.

 

Die klösterliche Sorgfalt im Umgang mit den Dingen steht der heutigen Wegwerfmentalität und dem Streben, Dinge nur für den kurzzeitigen Gebrauch zu produzieren diametral gegenüber, und so sehe ich es als einen wichtigen Auftrag, diese Tradition von gestern im Heute zu leben und für das Morgen weiterzugeben. Denn indem ich Dinge sorgfältig behandle, drücke ich damit auch eine Dankbarkeit dafür aus, dass ich sie zur Verfügung habe, und dass ich mir bewusst bin, dass ich auf einer Grundlage lebe, die von vergangenen Generationen geschaffen wurde, und dass ich durch mein Handeln Mitsorge trage für meine Umwelt aber auch für die Zukunft. Im Gegensatz zu jenen, die ohne einen Blick oder ohne Rücksicht auf die vorhergegangenen oder zukünftigen Generationen alles nur gedankenlos konsumieren.

 

Der Umgang miteinander

Oft werde ich gefragt: „Wie reden Sie sich untereinander an?“ In der Gemeinschaft reden wir uns nicht mit „Du“ sondern mit „Sie“ an. Und wir nennen auch nie den Namen allein, sondern fügen „Frau“ dazu, also Frau Eva-Maria, Frau Miriam etc. Dass wir uns mit „Frau“ anreden, kommt daher, dass wir von der Tradition her Chorfrauen sind, genauso wie sich die Augustiner Chorherren mit „Herr“ statt mit „Pater“ anreden. Das mag manchen von Ihnen vielleicht antiquiert vorkommen, vielleicht empfinden Sie es auch als eine sehr distanzierte Anrede, noch dazu in einer Gemeinschaft. Doch diese Tradition ist in unserer Regel begründet. In RB 63,10-12 sagt Benedikt, dass keiner den anderen mit dem bloßen Namen anreden darf.

„Die Jüngeren sollen also die Älteren ehren,

die Älteren die Jüngeren lieben.

Spricht man einander an,

so darf keiner den anderen mit dem bloßen Namen anreden,

sondern die Älteren sollen die Jüngeren „Bruder“ nennen,

die Jüngeren aber die Älteren „nonnus“,

was soviel wie „ehrwürdiger Vater“ heißt.“

 

Aus diesem Zusammenhang wird deutlich, worum es geht: nicht um eine Distanziertheit, sondern um die Ehrfurcht dem anderen gegenüber. Es geht also um eine Haltung, die den anderen nicht vereinnahmt und oder leichtfertig zum Kumpel macht. Für mich ist es ein Ausdruck des Respekts, der Wertschätzung des anderen, und ich kann aus eigener Erfahrung bezeugen, dass das bei uns geübte Sie keineswegs die Herzlichkeit mindert oder einen liebvollen Umgang ausschließt. Insofern empfinde ich diese bei uns geübte Tradition als eine, die nicht nur im Gestern seine Berechtigung hatte, sondern die auch eine Botschaft für das Morgen enthält. Denn Ehrfurcht und Wertschätzung im Umgang miteinander sind meiner Meinung nach bleibend wichtig und aktuell, vielleicht heute angesichts der verbalen Auswüchse und Entgleisungen in den sozialen Netzwerken sogar noch mehr als früher. Das bedeutet nicht, dass ich der Meinung bin, dass man überall zum Sie zurückkehren müsse, wohl aber steckt für mich hinter dieser Aufforderung Benedikts immer wieder die Anfrage: Wie begegne ich meinen Mitmenschen/Gesprächspartnern? Wie kann ich den Anderen Wertschätzung vermitteln? Deswegen wäre es für mich auch kein Problem, wenn wir uns in der Gemeinschaft entscheiden würden, das „Du“ zu verwenden, denn die Intention, die dahinter steckt, ist entscheidend und tradierungswürdig.

 

Der Umgang mit dem Tod

Während in unserer Gesellschaft der Tod und das Sterben immer mehr aus dem Blickfeld gerückt werden und sich damit viele Ängste verbinden, erlebe ich bei uns noch eine Kultur des Sterbens, die den Tod als zum Leben gehörig annimmt, wo dem Tod kein Schrecken anhaftet. Wer auf der letzten Wegstrecke ist, ist nicht allein. Früher war es üblich, dass sogar in der Nacht bei einer sterbenden Mitschwester gewacht und gebetet wurde – das schaffen wir heute personell nicht mehr, doch soweit es möglich ist, wechseln sich die Mitschwestern tagsüber ab. Wenn eine Mitschwester verstorben ist, kommen wir alle beim Totenbett zum Gebet zusammen. Das Ankleiden und Einsargen der Verstorbenen übernehmen die Mitschwestern, ehe der Sarg in die Kirche überführt wird. Am Tag vor dem Begräbnis versammelt sich die ganze Gemeinschaft nochmals beim Sarg, um dort für die verstorbene Mitschwester ein letztes Mal jene Antiphonen zu singen, die sie zum ersten Mal bei ihrer eigenen Profess gesungen hat. Dieses stellvertretende Singen der Antiphonen berührt mich jedes Mal aufs Neue. Es ist für mich der schönste Ausdruck von Gemeinschaft über den Tod hinaus. Was die Verstorbene nicht mehr tun kann, tun die Mitschwestern für sie. Diese Tradition des Umgangs mit dem Tod ist für mich ein hohes Gut, das es zu bewahren gilt. Wann immer es passt, spreche ich auch in der Begegnung mit Schulklassen darüber, um ihnen eine andere Sicht auf den Tod, der zum Leben gehört, zu ermöglichen.

 

Das Bewusstsein, in einer Tradition zu stehen

Noch ein letztes Kulturerbe möchte ich ansprechen, das in einem so alten Kloster wie dem Nonnberg deutlicher in das Bewusstsein kommt: das Bewusstsein, in einer Tradition zu stehen und Glied einer langen Kette zu sein. Mich erfüllt es mit großer Dankbarkeit und Wertschätzung, wenn ich an die große Zahl von Mitschwestern denke, die in diesen 1.300 Jahren in unserem Haus gelebt, gebetet und gearbeitet haben, und die dazu beitrugen, dass unser Kloster heute so ist, wie es ist. Alle haben sich gemäß ihrer Zeit und nach dem jeweiligen Verständnis der äußeren und inneren Gegebenheiten für die Gemeinschaft und unser Haus eingesetzt und ihr Leben so gestaltet, dass es der Verherrlichung Gottes diente. So manche Handlungsweise oder Frömmigkeitsform war zeitbedingt und erscheint uns heute vielleicht seltsam oder ist auch nicht mehr praktikabel. Doch das Grundlegende änderte sich nicht: die Ernsthaftigkeit in der Nachfolge Christi und der Primat des gemeinsamen Gotteslobes vor allen anderen Dingen.

Das ist die Tradition, an der sich durch die Jahrhunderte die verschiedenen Traditionen gemessen haben, und das trug dazu bei, dass die Gemeinschaft immer ein lebendiger Organismus blieb. Flexibilität und Tradition gehören zusammen, und es gilt immer wieder das biblische „Prüft alles, behaltet das Gute“[7] anzuwenden. So weiß ich, dass ich in meiner Zeit, mit den heutigen Möglichkeiten an der Tradition unseres Klosters und unserer Gemeinschaft mitwirken darf und dass es dabei immer dieses Blickes auf das Ganze bedarf. So versuche ich auch besonders Jugendlichen zu vermitteln, dass ein altes Kloster keine Sache von gestern ist, sondern dass es mit der Zeit geht, was jedoch nicht damit gleichbedeutend ist, alle Zeitströmungen mitzumachen. Im Kloster ticken die Uhren anders, hat die Zeit eine andere Qualität, auch deswegen, weil die Gebetszeiten den Tag strukturieren. Das bedeutet zugleich, dass ich mit der zur Verfügung stehenden Zeit sehr kostbar umgehen muss, denn an Arbeit und Dingen, die es zu erledigen gibt, mangelt es einem nie. Der Blick auf unsere lange Geschichte lehrt uns, Entscheidungen gut überdacht zu treffen, damit die Dinge Bestand haben, anstatt nur aus dem Bauch heraus zu handeln. Zugleich ist dieser Blick auf die Geschichte ein gutes Korrektiv gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit und eine Mentalität, die das eigene Meinen und Empfinden zum Angelpunkt der Welt erklärt. Dieses Bewusstsein des Ein- und Rückgebundenseins in bzw. an eine Tradition schenkt auch eine gewisse Gelassenheit im Blick auf die Zukunft, denn beim Rückblick auf die vergangenen Jahrhunderte wird sichtbar, dass Gott letztlich immer den längeren Atem hat.



[1] Vgl. Michaela PUZICHA, Die „Väter“ in der Benediktusregel, in: Erbe und Auftrag 83 (2007), 17–30; 178–187.

[2] PUZICHA, Väter (wie Anm. 1) 178.

[3] PUZICHA, Väter (wie Anm. 1) 183.

[4] Salzburger Äbtekonferenz (Hg.), Die Regel des Heiligen Benedikt (Beuron ²1992).

[5] PUZICHA, Väter (wie Anm. 1) 185.

[6] Der Cellerar (lat. cellerarius, Kellermeister; abgeleitet von cella, cellarium) ist der Verwalter des materiellen Guts in Klostergemeinschaften die nach der Benediktsregel leben. Siehe auch: J. Semmler: Cell(er)arius in: LexMA 2, S. 1607–1608, Metzler, Stuttgart 2000

[7] 1 Thess 5,21

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